https://www.faz.net/-gum-86uo7

Afghanische Flüchtlingsfamilie : Durch die Hölle in die Freiheit

Im selben Jahr kam er bei einem Autounfall ums Leben, dessen Ursache bis heute nicht geklärt ist. Er hatte eine Verletzung am Hinterkopf, als man ihn fand, und war eine Böschung hinuntergestürzt. Seine Familie vermutet, dass Taliban ihn ermordet haben. Doch zu einer Untersuchung kam es nie. Mohammad Niazi wurde sofort bestattet, eine Autopsie nicht in Erwägung gezogen. All die guten Kontakte der Familie zu Politikern und Aktivisten schienen plötzlich nichts mehr wert. Überall wurden ihre Bitten nach einer Untersuchung abgeblockt. Es sei nicht klug, weiter nachzubohren, gab man ihnen zu verstehen, ob Zakia Niazi sich denn gar nicht um ihre Kinder sorge? So erzählen sie und ihr Sohn Haroon es – und sie zeigen ein Foto des Verstorbenen und Kondolenzschreiben der amerikanischen Botschaft und der Vertretung der EU.

Die verängstigte Familie zog aus dem geräumigen Haus in eine Mietwohnung ohne Klingelschild. Auch viele regionale Büros ihrer Menschenrechtsorganisation wechselten den Standort. Die Taliban fanden die Adressen heraus und schickten Drohbriefe an die Büros: „Wo ihr euch auch versteckt, wir werden euch finden!“ Die Niazis verließen kaum noch die Wohnung. Einige Monate vorher hatten Mohammad und Haroon Niazi einen Anschlag überlebt, als eine Bombe vor ihrem Auto explodierte. Die Niazis beschlossen auszuwandern. Sie beantragten Visa. Erhielten Absagen. Und gaben sich in die Hände eines Schleusers. Er verlangte 12.500 Dollar pro Kopf: Seine Route sei die sicherste und komfortabelste.

Sie verbrachten die Nacht in einer Felsspalte

Im Oktober 2014 begann die Familie ihre Reise mit einem Flug nach Iran. Über die türkische Grenze mussten sie robben, dann sprangen sie auf einen Lastwagen. Sie warteten einige Tage im Haus eines Schleusers in Istanbul. Mit einem Auto ging es in die Nähe von Izmir. Dann drei Tage lang zu Fuß durch den Wald in Richtung Meer. Dort verbrachten sie die Nacht in einer Felsspalte. „Katastrophe“, sagt die zehnjährige Saeeda auf Deutsch, während ihr Bruder erzählt. In Deutschland malte sie ein Bild, das zeigt, wie es weiterging: Mit 42 Menschen, wild zusammengepfercht, ging es in einem Schlauchboot über das Mittelmeer nach Griechenland. Polizei, Lager, Stacheldraht. Ein Papier, auf dem stand, sie dürften keine griechische Grenze überqueren, aber müssten das Land innerhalb eines Monats verlassen. Ein Gewaltmarsch von Saloniki nach Mazedonien. Vier Tage lang in einem Flüchtlingstrupp von 100 Menschen, fast bis nach Skopje.

Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

Mehr erfahren

Als niemand mehr auch nur einen Schritt laufen konnte, beschloss die Gruppe, Zugtickets zu kaufen – und wurde am Bahnhof verhaftet. Mazedonische Polizisten fuhren sie zurück zur griechischen Grenze und stießen sie aus den Wagen. Es regnete, war dunkel und kalt, die Niazis und die anderen Flüchtlinge waren bis auf die Knochen durchnässt nach dem tagelangen Marsch. „Da ist Griechenland, geht dorthin“, hätten die Polizisten gesagt, die Pistolen auf sie gerichtet.

Am nächsten Tag lief die Gruppe wieder los. Immer an den Bahnschienen entlang. Wenn sie griechische Polizisten sahen, liefen sie auf die mazedonische Seite und umgekehrt. Der Schleuser meldete sich: Die Route sei gerade zu gefährlich. Sie müssten einige Tage im Wald campieren. Auf dem Rückweg von einem Markt verprügelten mazedonische Polizisten Haroon Niazi mit Schlagstöcken und verschleppten ihn über die Grenze nach Griechenland. Von da an trauten sich die Menschen in dem improvisierten Lager nicht mehr, Essen kaufen zu gehen. Sie rationierten das bisschen, was sie hatten, bis ein Schleuser ihnen etwas vorbeibrachte, ein Brot für je vier Menschen. Ein wärmendes Feuer konnten sie nicht machen, es regnete unaufhörlich.

Weitere Themen

Topmeldungen

Erklärt im Video : Warum Trump gegen die Briefwahl kämpft

Wurde alles angekreuzt? Stimmt die Unterschrift? Ist die Post schnell genug? Bei Briefwahl kann viel schiefgehen. Kostet das Joe Biden den Wahlsieg in Amerika? Donald Trump hat jedenfalls einen Plan. Unser Video klärt auf.
Ist mit sich immer noch im Reinen: Jeremy Corbyn.

Antisemitismus bei Labour : Corbyn hat nichts gelernt

Der frühere Chef von Labour, Jeremy Corbyn, ist aus seiner Partei geflogen, weil unter ihm Antisemitismus zum Normalzustand wurde. Corbyn Reaktion zeigt, dass er seine eigene Haltung und deren katastrophale Folgen nicht ansatzweise umreißt.
Ein bisschen Heimat: Das koreanische Restaurant „Heidekrug“ am Oberurseler Waldrand.

Koreanische Community : Little Seoul im Taunus

In der Rhein-Main-Region lebt eine der größten koreanischen Communitys Europas. Städte wie Oberursel, Eschborn oder Kronberg bieten fast alles, was ihr Herz begehrt. Inklusive Kieferorthopädie auf Koreanisch.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.