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AfD im Osten : Warum der Protest sich ausweiten könnte

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Durch den Aderlass an Frauen und überhaupt jungen Leuten fehlt es im Osten gerade auf dem Land auch an einer temperierenden Mitte, die Aggressionen bremsen könnte. In einer solchen Gemengelage war dann die Ankunft von Asylbewerben samt der als Doktrin aufgefassten Ansage „Wir schaffen das“ nur noch der buchstäbliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. „Sie immer mit Ihren Flüchtlingen!“, bekam Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping von ostdeutschen Bürgern zu hören. „Integrieren Sie doch erst mal uns!“ Das war egoistisch, selbstbezogen und äußerst unchristlich, aber es war wohl auch: ein Schrei nach Wahrnehmung.

Und damit zur Geringschätzung, die im Westen kaum eine Rolle spielt, im Osten jedoch einen erheblichen Teil des Protests befördert haben dürfte. Was das heißt, war zum Beispiel am Sonntag vor der Wahl bei „Anne Will“ zu sehen, wo Frank Richter, Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche Dresden, in seiner Rolle als Ost-Versteher Wut und Hass bei Merkel-Kundgebungen erklären sollte. Bis auf Gesine Schwan, die lange in Frankfurt an der Oder lebte, verstand die Runde nichts, und dann machte sich Theo Waigel auch noch über Richter lustig. Wer im Westen groß wurde, dem ist das vermutlich gar nicht aufgefallen, aber wer im Osten aufwuchs, hat es sofort gespürt.

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Ostdeutschland spielt im gesamtdeutschen Diskurs nur als Problemfall eine Rolle. Das nervt auch diejenigen, denen nach der Wiedervereinigung der Neubeginn geglückt ist. Dabei ist das die Mehrheit der Ostdeutschen. Sie haben Firmen gegründet, umgeschult, noch mal ganz von vorn angefangen. Sie haben die Chance der neuen Zeit oft unter großen Entbehrungen genutzt. Doch von ihnen und auch den Erfahrungen insbesondere der harten Nachwendezeit war bisher kaum die Rede. Stattdessen guckt der Westen immer nur dann genau hin, wenn im Osten etwas seinen Erwartungen zuwiderläuft. Dann folgen Vorwürfe und Belehrungen. Undankbar seien sie, die Ossis, teuer, nicht in der Demokratie angekommen. Es wirkt ein bisschen wie bei reichen Eltern, die ihr Kind mit Kohle zuschütten und dafür verlangen, bitteschön nicht belästigt zu werden.

Zur Geringschätzung zählen nach wie vor Vorurteile und Pauschalisierungen. Als sich Ende August in einem Hamburger Gefängnis ein mutmaßlicher Islamist erhängte, nahm davon kaum jemand Notiz. Weder war von Staatsversagen die Rede, noch wurde ganz Hamburg in Mithaftung genommen. Als selbiges vor einem Jahr in Leipzig passierte, wurde Sachsen kurzerhand zum Failed State erklärt. Wies man damals vorsichtig auf Stammheim hin, wo unter Staatsaufsicht drei Terroristen Suizid begangen hatten, hieß es, das könne man als Ostdeutscher nicht beurteilen. Westdeutsche dagegen beurteilen ständig Ostdeutschlands Vergangenheit. In Berlin diskutierten mal auf einem Podium nur Westdeutsche das Thema Stasi. Man stelle sich das umgekehrt zum Thema RAF vor.

Der Osten als Quotenkiller

Wer mit Ostdeutschen über Westdeutsche spricht, hört, bezogen auf DDR und die Lage heute, vor allem einen Satz: „Sie wissen einfach nichts.“ Wer wissen will, was im Osten wirklich abgeht, sollte sich die exzellente Doku-Trilogie „Wem gehört der Osten?“, „Wer regiert den Osten?“, „Wer bezahlt den Osten?“ ansehen. Im MDR lief sie zur besten Sendezeit, das Erste hat sie viel später mal im Nachtprogramm versteckt; die inoffizielle Begründung lautete: Ost-Themen seien Quotenkiller.

Der Fehler ist dabei offensichtlich: Es ist kein Ost-Thema, sondern geht ganz Deutschland an. Die Entwicklung im Osten wirkt, vor allem bei den Globalisierungsfolgen, wie eine Blaupause für das, was auch auf den Westen zukommt und was, siehe Wahlergebnis, bereits jetzt zu spüren ist. Die AfD fängt dieses Unbehagen ein, Lösungen hat sie nicht. Höchste Zeit, dass die anderen Parteien sie entwickeln und dann danach handeln.

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