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Ärzte ohne Grenzen : „Europa trägt zum Missbrauch bei“

Standhaft im Angesicht der Krisen dieser Welt: Dr. Joanne Liu ist Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen. Bild: Andreas Pein

Die Internationale Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen, Joanne Liu, ermahnt den Westen in der Flüchtlingsfrage. Optimistisch und zäh kämpft sie für mehr Menschlichkeit.

          Kurze Zeit nach dem amerikanischen Luftangriff auf das kleine Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen im afghanischen Kundus klingelt ihr Telefon: Am Apparat ist der damalige Präsident Barack Obama.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Es war ein Anruf“, sagt Joanne Liu trocken. „Er drückte sein Beileid aus.“

          Sie schweigt, als gäbe es nichts weiter zu berichten. Erst auf Nachfrage fährt sie fort: „Wenn einer 42 Menschen umbringt . . .“ Sie bricht den Satz ab, verdreht die Augen und presst die Lippen zusammen. Diese Frau, die in einem einstündigen Gespräch ansonsten maximale Reserviertheit ausstrahlt, zieht demonstrativ eine Grimasse.

          Zweite Amtsperiode für Joanne Liu

          „Na ja!“, sagt Liu dann. „Ich glaube nicht, dass es viel zu sagen gibt, wenn einer 42 Menschen umgebracht hat. Soll ich ihm dafür danken?“

          Rund zwei Jahre liegt die Bombardierung zurück. Amerika hat sie als Fehler bezeichnet, als „tragischen Vorfall“.

          Joanne Liu ist zwischenzeitlich als erste Person überhaupt für eine zweite Amtsperiode zur Internationalen Präsidentin von Médecins Sans Frontières (Ärzte ohne Grenzen, MSF) gewählt worden. Seit der Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis 1999 stand die Hilfsorganisation nicht so im Licht der Öffentlichkeit wie unter der Führung der unbestechlichen Kanadierin. Erst die Ebola-Epidemie in Westafrika, als die Ärzte Alarm schlugen, Monate bevor die Weltgemeinschaft das Ausmaß der Gefahr erkannte. Dann der Luftangriff in Afghanistan, Auslöser, um solche Klinik-Attacken systematisch anzuprangern.

          Der Wirbel um ihre Person ist ihr zuwider

          Nun liegt es nicht in der Hand einer auf Notfallmedizin spezialisierten Kinderärztin, wann sich ein afrikanischer Virus ausbreitet oder die Genfer Konvention zunehmend an Rückhalt verliert. Aber Joanne Liu war zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Position, um der Welt die Stirn zu bieten. Auf dem Höhepunkt der Ebola-Epidemie im Herbst 2014 hielt sie eine Brandrede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Im Frühjahr 2016 trat sie vor dem Sicherheitsrat auf, unmittelbar bevor das Gremium einstimmig eine Resolution zum besseren Schutz medizinischer Einrichtungen verabschiedete. Nicht nur das politische Gewicht von Ärzte ohne Grenzen, auch die Zahl der Geldspender und damit das Engagement der Organisation sind in der Ära Liu gewachsen. Man könnte deshalb folgern, Joanne Liu habe MSF ein neues Gesicht gegeben. In der Sache ist das fraglos richtig. Allein: Sie selbst würde diese Formulierung hassen.

          Denn jeder Wirbel um ihre Person ist dieser Frau zuwider. Das passt gut zu einer Organisation, die sich auch mit mehr als 40.000 Mitarbeitern, allem Renommee und großer Professionalität zum Trotz, noch immer als Bewegung versteht. Médecins Sans Frontières (MSF), 1971 von französischen Ärzten unter dem Eindruck des Biafra-Krieges und der damit verbundenen Hungerkatastrophe gegründet, ist so etwas wie der Rebell im Reich der humanitären Hilfe. Wo sich das Internationale Rote Kreuz zu strikter Neutralität verpflichtet hat, vertritt MSF den Anspruch, nicht nur medizinisch Beistand zu leisten, sondern auch Anwalt der Patienten zu sein, frei nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber. Niemand verkörpert diese Doppelmission zwischen Medizin und politischem Aktivismus besser als die Internationale Präsidentin.

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