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Ärzte auf Twitter : „Es geht oft nur noch darum, den Gegner zu zerstören“

Ärzte auf Twitter begegnen immer häufiger Hass und Hetze. Bild: dpa

Bleiben oder gehen? Angesichts des großen Hasses gegen Ärzte stehen immer mehr Mediziner auf Twitter vor dieser Frage. HNO-Arzt Christian Lübbers will bleiben. Die Ärztin Natalie Grams-Nobmann hat ihren Account gelöscht.

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          Dr. Christian Lübbers bleibt

          Vor fünfeinhalb Jahren habe ich über einen Fall aus meiner HNO-Praxis getwittert, da war mein Account ganz klein, vielleicht 200 Follower: Ich habe damals ein vierjähriges Mädchen untersucht mit einer eitrigen Mittelohrentzündung. Die Eltern hatten ihr Globuli in den Gehörgang gekippt – die wirken im Gehörgang genauso wenig wie unter der Zunge. Das war nicht nur unwirksam, sondern für das Mädchen umso schmerzhafter: Da schwammen also diese Bröckchen in der eitrigen Suppe. Die Eltern hatten einen Migrationshintergrund und waren vorher bei einem Heilpraktiker gewesen – medizinische Laien, denen auch ohne geregelte Ausbildung eine ärztliche Kompetenz zugestanden wird, gibt es ja in anderen Ländern in der Regel gar nicht. Sie haben dort leider nur ein Placebo bekommen. Mein Tweet hatte ein riesiges Me­dien­echo. So bin ich binnen 48 Stunden in die öffentliche Aufklärungsarbeit hin­ein­gerutscht. Ge­sundheitliche Auf­klärung ist nicht neu für mich, ich führe ja täglich unzählige Patientengespräche.

          Johanna Dürrholz
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.
          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die vergangenen zwei Jahre haben gezeigt, dass die Ablehnung der Wissenschaft eine Einstiegsdroge ins Querdenkertum ist. Da gibt es eine große Schnittmenge zwischen Verschwörungsglauben, Pseudomedizin, Impfgegnern und Rechtsradikalen. Wer wie ich in diesem Spannungsfeld aufklärt, der ist auch regel­mäßig mit Hass konfrontiert. Vor der Pandemie standen Ärztinnen und Ärzte nicht so stark in der Öffentlichkeit. Aber plötzlich warteten wir alle auf die Statements von Christian Drosten, und Twitter wurde ein medizinisches Informationsmedium, das Einschätzungen aus erster Hand lieferte. Ich glaube, der Hass im Netz hat sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren stark ausgeweitet. Die Ablehnung von Pandemiemaßnahmen generell hat sich auf die aufklärenden Ärztinnen und Ärzte entladen, viele von uns wurden stark angegriffen. Zum Glück richtet sich der Hass nicht immer gegen die Person, sondern auch gegen die Sache. Trotzdem muss ich sagen: Ich überlege mir mittlerweile ganz genau, was ich auf Twitter schreibe. Das ist auch eine Folge des Hasses. Insbesondere Fernsehauftritte zum Thema Hass im Netz habe ich bewusst abgelehnt – einfach, weil ich da nicht als Kristallisationsfigur herhalten wollte.

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