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Achtundsechziger : Sie kamen an – aber nicht dort, wohin sie wollten

Aufmischen des Establishments: Rainer Langhans, das Gesicht der Achtundsechziger-Bewegung, wird nach seiner Festnahme von zwei Polizeibeamten abgeführt. Bild: dpa

Das System umkrempeln? Das Establishment aufmischen? Solche Forderungen kommen heute von rechts. Die Achtundsechziger sind Pyrrhussieger der Geschichte.

          Die Geburtstagstorte für die Achtundsechziger-Bewegung schmeckt dieses Mal nicht mehr ganz so gut wie die zum 30. oder 40. Geburtstag. Das liegt daran, dass die Leute, die sich vor 50 Jahren von der Straße auf den Marsch durch die Institutionen machten, von Leuten überholt wurden, die so gar nicht in ihr Weltbild passen: Trump vorneweg, gefolgt von Victor Orbán oder Sebastian Kurz, Le Pen oder Berlusconi, von AfDlern oder den „Identitären“. Bei allen Unterschieden reklamieren sie allesamt ausgerechnet das für sich, was auch die Achtundsechziger in Bewegung hielt: „das System“ umkrempeln zu wollen, „das Establishment“ aufzumischen und den wahren Volkswillen zu verwirklichen.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Die „außerparlamentarische Opposition“, die „Apo“, brauchte dafür riesige Theoriegebäude, die „rechte Apo“ nichts davon, allenfalls Anleihen aus der Gegenaufklärung, der Romantik oder der Konservativen Revolution. Was sie aber genauso gut beherrschen wie ihre linksrevolutionären Vorfahren, das sind Provokationen. Nicht mit „Ho, Ho, Ho Chi Minh!“, nicht mit Turnschuhen oder Strickpullover, sondern ins Herz der Gesellschaft, wo die Bürger von heute die Bürgerschrecks von gestern sind. Ihnen schallt es nun entgegen, man müsse das Volk „vom links-rot-grün versifften Achtundsechziger-Deutschland“ (Jörg Meuthen) befreien.

          Was ist da dran? Der Soziologe Heinz Bude stellt nun fest („Adorno für Ruinenkinder“), dass ausgerechnet die Achtundsechziger unter den Politikern Deutschland die härteste Sozialreform der Nachkriegszeit abverlangt hätten, die „Agenda 2010“. Das ist in der Tat überraschend, weil sie in ihrer Jugend den gefesselten Kapitalismus nun wirklich nicht entfesseln wollten. Andererseits ist es auch wieder folgerichtig, weil gerade diese Generation den Tabus der „bürgerlichen Gesellschaft“, der Besitzstandswahrung und dem Denken in alten Hierarchien, den Kampf angesagt hatte. Das wiederum führte in die Anti-Atomkraft-Bewegung, in die „Neuen Sozialen Bewegungen“, in die „Alternativbewegungen“, die so alternativ nicht mehr sind. Rot-Grün ist so sehr Mainstream wie Rot-Schwarz. Die Zivilgesellschaft, deren Konjunktur sich daraus ableitet, darf gerne auch wieder bürgerliche Gesellschaft genannt werden. Ja, sie darf sogar „Heimat“ sein. All das vor Augen, sollte sich kürzlich noch eine Jamaika-Koalition am bürgerlichen Lagerfeuer gemeinsamer Wurzeln erinnern.

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          Aber „links-rot-grün versifft“ meint noch etwas anderes. Wer so redet, fühlt sich überrumpelt, geschlagen, abgedrängt, als Verlierer. In der Tat lassen sich die Achtundsechziger als die Sieger der Geschichte verstehen. In den sechziger Jahren nahmen sie Gedanken, Sehnsüchte und Theorien auf, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit als Konsequenz aus der Nazi-Barbarei gepflegt wurden, dann aber zu kurz kamen. Das hatte Folgen, besonders für Deutschland. Die Vorkriegsgeneration, die zu Beginn des Wiederaufbaus von Sozialismus, Befreiung, Pazifismus und Einheitsschule träumte, von etwas Neuem jenseits von westlichem Kapitalismus und östlichem Kommunismus, kam in den fünfziger Jahren nicht mehr zum Zuge - die Kinder nahmen dafür einen neuen, radikalen Anlauf. Sie stießen dabei allerdings auch auf das Unverständnis derer, die ihre geistigen Väter hätten sein können: Willy Brandt, Gustav Heinemann oder Ralf Dahrendorf. Auch sie gehörten jetzt zum „Establishment“, erst recht nach der ersten Großen Koalition von 1966 bis 1969. Dabei war der SPD gerade dadurch gelungen, was zuvor noch undenkbar war: Sie nutzte die Zeit als Sprungbrett für die Kanzlerschaft.

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