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Schwangerschaftsabbrüche : Allein mit dem Entschluss

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Abtreibung ist in Deutschland nur straffrei, wenn sie in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft vorgenommen wird und eine Beratung stattgefunden hat. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1993 muss ein Schwangerschaftsabbruch aber als rechtswidrig bezeichnet werden. Ausgenommen sind nur Fälle mit medizinischer oder kriminologischer Indikation. „Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts spricht davon, dass die ,grundsätzliche Rechtspflicht auferlegt‘ werde, die Schwangerschaft auszutragen“, sagt Busch. Für eine Frau, die ihre Schwangerschaft abbricht, vermittele sich damit: Das, was ich tue, muss etwas Unrechtmäßiges sein, das nicht in Ordnung ist. Viele Frauen erlebten in diesem Zusammenhang einen hohen Rechtfertigungsdruck, wenn sie sich dennoch für eine Abtreibung entscheiden, sagt Busch – auch wenn sie meist das Urteil oder auch den Paragraph 218 gar nicht kennen würden. Nach dem Abbruch seien die meisten Frauen zwar erleichtert. Doch aufgrund des gesellschaftlichen Klimas könne die Verarbeitung von Scham und Schuldgefühlen begleitet sein.

Der Rechtfertigungsdruck ist hoch

Ronja Brandt war damals fest entschlossen, als sie zu ihrem Termin bei der Beratungsstelle ging. Und trotzdem hatte sie ein mulmiges Gefühl. Würde die Beraterin ihre Argumente gegen die Schwangerschaft akzeptieren?

Abtreibung war mal anders als heute Gegenstand öffentlicher Debatten: eine Demonstration im November 1980 für die ersatzlose Streichung des Paragraphen 218.
Abtreibung war mal anders als heute Gegenstand öffentlicher Debatten: eine Demonstration im November 1980 für die ersatzlose Streichung des Paragraphen 218. : Bild: Barbara Klemm

Vor dem Beratungstermin hatte Brandt mit ihrem Freund, dem potentiellen Vater, gesprochen. Er war der Einzige, der über die Schwangerschaft Bescheid wusste. Er sagte ihr, dass er hinter ihr stehe, egal welchen Weg sie gehe. Die letztendliche Entscheidung überließ er jedoch ihr. Doch als Brandt der Beraterin gegenübersaß, erzählte sie eine andere Geschichte. Dass sie keine Unterstützung habe, dass sie allein mit ihrem Problem sei und es deshalb auch allein regeln wolle. „Es kam mir komisch vor, jemanden um Erlaubnis bitten zu müssen, was mit meinem Körper passiert oder nicht“, sagt Brandt. Sie hatte Angst, sich für ihre Entscheidung rechtfertigen zu müssen oder gar den Schein für die Abtreibung nicht zu bekommen, und sagte lieber nicht die Wahrheit.

Thema kaum noch Gegenstand der Debatte

Im Gesetz ist festgelegt, dass die Schwangerschaftskonfliktberatung „dem Schutz des ungeborenen Lebens“ dient. Sie muss sich von dem Bemühen leiten lassen, „die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr eine Perspektive für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen“. Die Beratung muss jedoch ergebnisoffen sein. Die Frauen treffen die Entscheidung, ob sie das Kind austragen oder nicht, selbst.

Brandt bekam den Schein für den Schwangerschaftsabbruch. Fünf Tage später machte sie sich auf den Weg in die Klinik – allein. Als sie den Eingriff hinter sich hatte, wartete niemand auf sie. Sie fuhr mit dem Taxi nach Hause.

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