Mayerling-Affäre : „Weine nicht um mich ich gehe fidel hinüber“
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Baroness Mary Vetsera Bild: Österreichische Nationalbibliothek
In Wien sind drei Abschiedsbriefe von Mary Vetsera aufgetaucht. Der Sensationsfund belegt, dass sie bereitwillig an der Seite von Kronprinz Rudolf in den Tod ging.
Es war kein politischer Mord im Auftrag des Kaisers von Österreich. Und die beiden wurden auch nicht versehentlich von Rudolfs aristokratischen Kumpanen bei einer Champagnerorgie erschossen. Vielmehr tötete der Kronprinz seine Geliebte zunächst mit einer Kugel in die linke Schläfe, danach sich selbst. Was allgemein als des Rätsels Lösung in der sogenannten Mayerling-Affäre angesehen wird, ist nun durch den Fund einiger Briefe zur Gewissheit geworden. „Meine liebe Hanna“, schrieb Mary Vetsera am 29. Januar 1889 an ihre drei Jahre ältere Schwester Johanna, „Wenige Stunden vor meinen Tod will ich dir adieu sagen. Wir gehen beide selig in dass ungewisse Jenseits … Weine nicht um mich ich gehe fidel hinüber.“ Dieser Wortlaut war zwar weitgehend bekannt. Trotzdem stellt der Fund der verloren geglaubten Papiere der Mary Vetsera eine kleine Sensation dar.
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
Zwei Jahre ist es her, dass die altehrwürdige Schoellerbank im Palais Rothschild an der Wiener Renngasse etwa 500 herrenlos gewordene Verwahrstücke aus dem Archiv hervorholte, darunter auch einen 1926 deponierten braunen Ledereinband, der anonym gegen eine Gebühr hinterlegt worden war und historisch Bedeutsames enthielt: Neben den drei Abschiedsbriefen von Mary Vetsera an ihre Mutter Helene, ihre Schwester Hanna und ihren jüngeren Bruder Franz Albin „Feri“ von Vetsera, in einem Kuvert mit Siegeln des Kronprinzen Rudolf, befanden sich in dem Einband auch der Taufschein von Maria „Mary“ Alexandrine Freiin von Vetsera, der Taufregisterauszug für ihre Schwester Johanna mit den Hochzeitsdaten der Eltern, der Totenschein in zweifacher Ausfertigung und ein langer, bislang unbekannter Brief von Hermine Tobis, der Klavierlehrerin Mary Vetseras, an Schwester Hanna.
Vor allem die drei Briefe rund um Mary Vetseras Tod auf dem Jagdschloss in Mayerling bei Alland in Niederösterreich geben Einblicke in das merkwürdige Liebesverhältnis zwischen der 17 Jahre alten Diplomatentochter und dem gut 13 Jahre älteren und verheirateten Kronprinzen Rudolf, dem künftigen Kaiser Österreich-Ungarns. Rudolf, benannt nach dem ersten römisch-deutschen König aus dem Geschlecht der Habsburger, war der einzige Sohn von Franz Joseph I. und seiner Frau Elisabeth, besser bekannt als „Sisi“. Als er auf die junge Mary Vetsera traf, galt Rudolf bereits als ein an seinem vorbestimmten Leben Gescheiterter. Der Vater, erzkonservativ und erzkatholisch, hielt seinen liberal gesinnten Nachfolger aus allen Regierungsgeschäften heraus. Die politischen Bemühungen des Kronprinzen tat Franz Joseph gerne mit den Worten ab: „Der Rudolf plauscht wieder.“ Der wiederum veröffentlichte unter Pseudonym („Julius Felix“) im „Neuen Wiener Tagblatt“ kritische Artikel gegen seinen Vater und dessen konservative Politik, was dem Kaiser nicht verborgen blieb und ihn weiter erzürnte.
Mit seiner Frau Stephanie, der ältesten Tochter des belgischen Königs Leopold II., verband Rudolf einzig die 1883 geborene Tochter Elisabeth. Sonst hatten sie keinerlei gemeinsame Interessen und sich auch nichts zu sagen. Rudolf, mit Anfang 30 zunehmend frustriert und zynisch, trank viel, versuchte Rauschgifte aller Art und ging zu Damen aus der „Halbwelt“. Seine bevorzugte Geliebte, mit der er sogar noch die Nacht vor seinem Tod verbrachte, war Mizzi Kaspar.
Mary Vetsera hatte ihren ersten intimen Kontakt mit Rudolf, den sie irgendwann im Herbst 1888 näher kennen gelernt hatte, wohl erst am 13. Januar 1889. Jenen Tag kennzeichnete sie laut ihrer Mutter eigens im Kalender. Und an jenem Abend habe sie aufgeregt ihrer Zofe gesagt, sie müsse jetzt alles tun, was er verlange, sie gehöre ihm allein. Am 14. Januar schrieb sie zudem an ihre vertraute Klavierlehrerin: „Wir haben Beide den Kopf verloren. - Jetzt gehören wir uns mit Leib und Seele an!“ Tatsächlich bestätigen auch die nun aufgetauchten Briefe noch einmal, dass sich Rudolf und Mary erst kurz vor ihrem Tod nahe kamen: „Vergiss nicht alle Jahre am 13 Jänner und am Jahrestag eine Gardenia auf mein Grab zu senden und zu oder zu bringen“, bittet sie ihre Schwester Hanna.
Damit scheiden zwei oft kolportierte Erklärungen für die Geschehnisse von Mayerling aus: die Angst vor einem unehelichen Kind oder eine missglückte Abtreibung. Mary konnte knapp drei Wochen nach dem 13. Januar nichts von einer Schwangerschaft wissen. Rudolf, dem eine Todesfaszination nachgesagt wurde und auf dessen Schreibtisch ein Totenschädel und ein geladener Revolver lagen, hatte wohl bereits vor der ersten Begegnung mit Mary Vetsera mit dem Leben abgeschlossen. Die zuletzt geradezu „hysterisch“ in ihn Verliebte kam ihm als willige Begleiterin da nur gerade recht.
Der eigentliche Grund aber für seinen Tod bleibt doch ein Geheimnis. Der Hof ließ verlauten, dass Rudolf sich „in einem Zustand von Geistesverwirrung“ erschossen habe. Damit wurde ihm zumindest das kirchliche Begräbnis in der Wiener Kapuzinergruft bei seinen Ahnen ermöglicht. Mary Vetsera hingegen, die nach offizieller Verlautbarung nie auf Schloss Mayerling war, wurde schon am nächsten Tag in einer unwürdigen „Nacht-und-Nebel“-Aktion heimlich beim nahe gelegenen Stift Heiligenkreuz beigesetzt.