https://www.faz.net/-gum-afzwx

30 Jahre Gletscher-Mumie Ötzi : Wie starb er denn nun?

Man brauchte jemanden, der sich auskennt

Wer sofort geahnt hat, dass es sich um ein „historisches Objekt“ handelte, war der alpine Tausendsassa Reinhold Messner, der vor 30 Jahren zusammen mit seinem Bergkameraden Hans Kammerlander zufällig in der Gegend wanderte. Messner vertrat auch die Auffassung, dass der Fund auf italienischer Seite lag, die sich dann durchsetzte. Es klingt – trotz der bewusst distanzierten Bezeichnung als „Objekt“ – nach so etwas wie einer persönlichen Beziehung, wenn er sagt: „Ich halte ihn für einen Halbnomaden, wie ich es auch bin.“

Der Anatom Othmar Gaber, der an der Innsbrucker Uniklinik mit der Aufbewahrung der Mumie betraut wurde, musste erst einmal eine geeignete Lagerungsmethode finden. Nach Rücksprache mit einem Glaziologen, der die Temperatur im Inneren eines Gletschers mit zwischen minus zwei und minus zehn Grad bezifferte, legte er den Mittelwert fest. „Dann ist mir Crushed Ice eingefallen, wie es im Hotel verwendet wird“, berichtet Gaber. „Ich habe ein OP-Tuch über ihn gelegt, dann Crushed Ice, dann einen Plastiksack, dann Eiswürfel. Das hat funktioniert bis zur Übergabe.“ Alle 14 Tage sei unter sterilen OP-Bedingungen das Eis erneuert worden. „Etwa 150 Mal habe ich so eine Visite gemacht.“

In Bozen kam der Mann aus dem Eis dann in die Obhut von Eduard Egarter Vigl. Bis dahin hatte der damalige Chefarzt der Pathologie über den „Ötzi“ nur en passant gehört. „Im Juni 1997 läutet das Telefon: Der Landeskonservator Südtirol, den kannte ich aus Schulzeiten.“ Man brauche jetzt jemanden, der sich auskennt. „Du bist hier derjenige, der am meisten mit Leichen zu tun hat.“ Vigl verlangte, zuvor für den Umgang mit Mumien ausgebildet zu werden und den Job beizubehalten, dann sagte er zu. „Als die Mumie übergeben wurde, bekam ich einen steifen Plastiksack, mit OP-Klammern fixiert.“ Dann habe man die Vitrine für die Aufbewahrung anfertigen lassen. Im Keller wurde ein Prototyp aufgestellt und anhand einer eigens mumifizierten Leiche aus der Anatomie erprobt. Dann wurde gedrängt: Jetzt müssen wir ausstellen. „Also haben wir es probiert.“ Bei einer Temperatur von minus 6,5 Grad wird der Feuchtigkeitsverlust durch Benebelung ausgeglichen. Bislang, sagt Vigl, sei alles gut gegangen, bei den regelmäßigen Überprüfungen seien weder Pilzsporen, noch Bakterien aufgetreten.

Eine Pfeilspitze im Schulterblatt

Freilich gab es gleich eine aufregende Entdeckung, die den Innsbruckern durch die Lappen gegangen war, auch wenn schon dort Röntgenbilder angefertigt worden waren. In Bozen wurde die Mumie abermals auf den Röntgentisch gelegt. „Der Radiologe ist nach einer Stunde zu mir gekommen“, erzählt Vigl, „und hat das Bild auf meinen Schreibtisch geknallt: Was ist’n das für ein Fremdkörper?“ Er habe ausgemessen: Zehnmal so dicht wie ein Knochen. „Das ist ein Stein.“ Ein CT habe es dann noch genauer gezeigt: Es war eine Pfeilspitze, die von hinten das linke Schulterblatt durchbohrt hatte. Das ist schon auf den ersten Röntgenaufnahmen gut zu erkennen und schon deshalb glücklich, weil damit ein Verdacht entkräftet werden konnte: „Wir können das also nicht in Bozen hineingepflanzt haben.“

Weitere Themen

Ein Kind im Winter

Roman von Norbert Gstrein : Ein Kind im Winter

Virtuos greift Nobert Gstrein einige seiner alten Themen und literarischen Verfahren auf, variiert sie und entwickelt sie weiter: „Der zweite Jakob“ ist ein fulminanter Roman über einen Mann auf der Flucht vor der eigenen Lebensgeschichte.

King of Wall Street

Hanks Welt : King of Wall Street

BlackRock-Gründer Larry Fink hat die Finanzbranche revolutioniert. Sein Le­ben beweist, dass sich Erfolg nicht planen lässt, dass aber ein paar Dinge den Er­­folg wahrscheinlicher machen.

Topmeldungen

Lieber was Eigenes: Ein Einwohner von Wuhan erhält eine Impfung mit dem chinesischen Sinopharm-Vakzin.

Impfstoffe : China bremst BioNTech aus

Die Verhandlungen liefen bereits, man war zuversichtlich. Eine Milliarde Impfstoffdosen im Jahr wollte das Unternehmen auf dem größten Markt der Welt verkaufen. Doch daraus wird wohl nichts.
Größerer Bundestag, mehr Stühle: Arbeiter bereiten den Plenarsaal vor.

Posten und Plätze : Wer sitzt wo im neuen Bundestag?

In wenigen Tagen tritt das neu gewählte Parlament zusammen. Stühle werden geschraubt und Posten verteilt – etwa im Bundestagspräsidium. Auch um die endgültige Sitzordnung wird noch gestritten.
 Die Handlung findet nicht einvernehmlich statt. Genau das reizt die Exhibitionisten – und macht sie zu Straftätern. (Symbolbild)

Exhibitionisten in der Bahn : Masturbieren nur mit Mundschutz

Immer mehr Exhibitionisten sind in deutschen Zügen unterwegs. Auch wenn sie dies mitunter nicht so wahrnehmen, begehen sie strafbare Sexualdelikte. Wie sich Betroffene wehren können – und wie man Tätern den Erfolg nimmt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.