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100 Jahre Kreuzworträtsel : Es gibt immer eine Lösung

  • -Aktualisiert am

Cross it: Arthur Whynne, Erfinder des Kreuzworträtsels, 1938 Bild: Bettmann/CORBIS

Sprechakte auf der Buchstabentreppe: Vor hundert Jahren, am 21. Dezember 1913, erschien in der Sonntagsbeilage der New Yorker Zeitung „New York World“ das erste Kreuzworträtsel der Geschichte.

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          Theodore Roosevelt, der jüngste der im Granitfels von Mount Rushmore verewigten amerikanischen Präsidenten, war auch intellektuell von größerer Statur. Er las angeblich mehrere Bücher täglich und verfasste vor und nach seiner Amtszeit, die von 1901 bis 1909 währte, rund 20 eigene Werke. 1913 betätigte er sich als Kunstkritiker und rezensierte die Armory Show, mit der die europäische Avantgarde in die Neue Welt einzog. Obwohl Roosevelt heftig gegen diese „Extremisten“ polemisierte, deren „Extravaganz“ ihm zu weit ging, erkannte er intuitiv einige ihrer zukunftsweisenden Ideen: die Ästhetik des Kindlichen, Dekorativen, der Gottesanbeterin, des Prähistorischen, die Bedeutung der Bild-Titel-Relation.

          Und er empfahl die Kubisten der Aufmerksamkeit all derer, die Spaß hätten an den „puzzle-pictures“ der Sonntagszeitungen. „Puzzle-picture“: Das ist nicht das aus Puzzleteilchen zusammensetzbare Mosaik, sondern ein Kipp- oder Suchbild, das auf einer Doppeldeutigkeit der flächigen Darstellung basiert. Wenige Monate später, am 21. Dezember 1913, erschien in der Sonntagsbeilage „Fun“ der New Yorker Zeitung „New York World“ das erste „Word-Cross Puzzle“ der Geschichte, erdacht von Arthur Wynne. Der Bezug zur modernen Kunst, wie auch Roosevelt sie sah, ist offensichtlich.

          Doppelfunktion eines Buchstabens

          In der Tat fordern kubistische Bilder das Gestaltsehvermögen heraus – man denke an Picassos Porträt von Ambroise Vollard, an dem jede Gesichtserkennungssoftware verzweifeln würde. Die Kreuzung von zwei Wörtern verleiht dem gemeinsamen Buchstaben eine Doppelfunktion, nämlich in zwei verschiedenen Zusammenhängen Sinn zu ergeben, so wie eine bestimmte Linie in einem Suchbild abwechselnd zu zwei verschiedenen Figuren gehört. Wort und Bild werden gekreuzt: Im Kreuzworträtsel erobern die Worte die zweite Dimension, der Begriff „Text“ (Gewebe) wird wörtlich genommen, während normale Sätze rein linear abrollen.

          Auf der anderen Seite dringen Wörter und Wortfragmente in kubistische Bilder ein, bei Georges Braque ab 1911. Auch hier ist – wie beim erst teilweise gelösten Kreuzworträtsel – die Fähigkeit der Ergänzung gefragt. Wenn in einem Gemälde von Braque die Buchstaben SIGF vorkommen, wobei das F wegen einer Überdeckung auch ein E sein kann, heißt die Lösung L’INTRANSIGEANT, die französische Tageszeitung. In beiden Fällen gewinnen Worte Bildqualität, der umgekehrte Prozess ist die Verbalisierung eines Bildes im Bildtitel. Das umstrittenste Werk der Armory Show, Marcel Duchamps „Akt, eine Treppe herabsteigend“ (1912), enthält den Titel links unten säuberlich in Großbuchstaben gemalt.

          Rätselhaft: das erste von vielen

          Er hilft die Vieldeutigkeit des Gemäldes zu reduzieren. Allerdings lässt das französische Wort für den Akt – NU – dessen Geschlecht offen. Roosevelt hielt die Ambivalenz nicht aus und übersetzte „Naked Man Going Down Stairs“, andererseits behauptete er, jeder andere Titel würde ebenso gut passen. Eindeutig erkennbar ist zumindest eine stufenweise von links oben nach rechts unten verlaufende Bewegung. Die Kombination der vorwärts und nach unten gerichteten Lesevektoren führt hin zu der im Word-Cross vollzogenen Verzahnung von Horizontal und Vertikal.

          Der Preis für die formale Stimmigkeit des Word-Cross ist die inhaltliche Sinnfreiheit des Ensembles. Klassische Ästhetik des Notwendigen verbindet sich mit dadaistischem Nonsens. Nur der Begriff FUN hat einen inhaltlichen Bezug. Wie in der abstrakten Kunst kommt es viel weniger auf die Bedeutung des Dargestellten als auf die Struktur der Zeichen selbst an. Materie und Geist gehen ineinander über. Der überdeterminierte Charakter des „Textes“ und die Begrenztheit des Wortschatzes erfordern ab und zu Freiflächen, Leerfelder, schwarze Quadrate, die hier noch weiß sind und ins Zentrum der Raute verlegt wurden.

          Synonymie und Homomorphie

          Nur zwei Wochen vorher war in Sankt Petersburg die Oper „Sieg über die Sonne“ aufgeführt worden. Sie inszenierte „die totale Zerschlagung der Worte und Begriffe“, und in ihr tauchte auch die erste Idee zu Malewitschs Quadrat auf. Die Verfasser des Prologs und des Librettos, die Kubofuturisten Alexei Krutschonych und Welimir Chlebnikow, publizierten die Manifeste „Das Wort als solches“ und „Der Buchstabe als solcher“ (Moskau 1913). Der Originalität von Wynnes bahnbrechender Erfindung steht außer Frage.

          Sicher gab es in einzelnen Aspekten Vorläufer wie die viktorianischen Kammrätsel oder das in seiner Abstraktheit revolutionäre Bayer-Kreuz, das seit 1910 auf Tabletten geprägt, aber schon 1904 patentiert wurde (natürlich kann man jedes Wort mit sich selbst kreuzen, doch aus Symmetriegründen sollten Zahl und Form der Buchstaben passen). Aus dem antiken Pompeji stammt das magische SATOR-Quadrat. Das Mittelalter kannte Kreuzgedichte und das Alte Ägypten einen hieroglyphischen Kreuzworthymnus.

          Das Word-Cross dagegen ist ein semiotisches Spiel mit Synonymie und Homomorphie, Hyperonymie und Hyponymie. Gesucht wird zum Beispiel eine Pflanzenart aus der Familie der Baldriangewächse und ein Synonym von „entwischen“, die im zweiten beziehungsweise dritten Buchstaben übereinstimmen: NARD, EVADE. Meist ist der weitere Begriff gegeben und der engere gesucht – Raubtier: Löwe; Vogel: Taube. Die Taube (DOVE) kommt gleich doppelt vor, das zweite Mal als Synonym von „pigeon“. Nur einmal wird mit etwas Speziellem nach Allgemeinerem gefragt – was dieses Rätsel ist: schwierig.

          Eben die Schwierigkeit macht den Spaß aus, und DOH, TANE, NEIF, SERE sind wirklich äußerst entlegene Wörter. Sie bilden die Partikel einer Kettenreaktion: Jedes ausgefüllte Feld erleichtert die Aktivierung des nächsten, bis am Ende alles immer klarer wird. So quälend kryptisch sie auch seien, das Beruhigende an Kreuzworträtseln – wie bei Schachkompositionen – ist, dass mit Sicherheit eine Lösung existiert. Bei echten Schachpartien hingegen, in der Kunst und im Leben gibt es oft keine Lösung. Und man erst weiß, ob es eine gibt, wenn man sie gefunden hat.

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