https://www.faz.net/-gum-8wxhm

Deutsche Astronautinnen im All : Die Sterne zum Greifen nah

  • -Aktualisiert am

Dann war der Tag gekommen. Am 11. Februar 2000, einem Freitag, verabschiedete Thiele sich von seiner Tochter Insa, 17 Jahre war sie damals alt. Von einem Dach aus konnten sie die Raumfähre sehen mit der riesigen roten Rakete, die sich senkrecht in den Himmel bohrte. Neben ihr die Geschwister, die Mutter und eine Handvoll Psychologen, falls doch etwas schieflaufen würde. Die Rakete startete, es rauchte, glühte. Unter Insas Füßen vibrierte es, das Dach fing an zu wackeln. Achteinhalb Minuten später begann alles um Gerhard Thiele herum zu schweben.

Irgendetwas muss Baumann schon früh am Fliegen fasziniert haben

„Man braucht keine Fliegerfamilie hinter sich“, sagt Nicola Baumann. Nur kurz erwähnt sie ihre Großmutter, die in den 1940er Jahren, mitten im Krieg, den Segelflugschein machte. Tauchten ausländische Bomber am Himmel auf, brachte sie ihr Flugzeug schnell zurück auf die Erde. Ihre Mutter flog Drachen, sagt Baumann und vergisst dabei, zu erzählen, dass diese sechsfache Weltmeisterin im Drachenfliegen war und eine Ultraleichtflugschule hatte. Selbstbewusst seien die Frauen in ihrer Familie gewesen und abenteuerlustig, das sei ihr wichtiger.

Irgendetwas muss Baumann schon als Kind am Fliegen fasziniert haben. Sie war zehn Jahre alt, als sie mit ihren Eltern zum Trekkingurlaub nach Nepal flog. Damals versperrten noch keine Sicherheitstüren den Weg zu den Piloten, also schlüpfte sie mit ihrer kleinen Schwester in das Cockpit des Flugzeugs. Sie blickte auf die Wolken hinab, die aussahen wie Zuckerwatte, auf die kleinen Berge, das glitzernde Meer. Nur ein strenges „Du musst langsam wieder nach hinten“ des Piloten riss sie los von dem Anblick.

Insa Thiele-Eich (links) und Nicola Baumann am 19. April in Berlin bei der Bekanntgabe der Gewinnerinnen des Wettbewerbs.
Insa Thiele-Eich (links) und Nicola Baumann am 19. April in Berlin bei der Bekanntgabe der Gewinnerinnen des Wettbewerbs. : Bild: dpa

Einen Monat nach der ersten Runde wurden die Kandidatinnen wieder eingeladen, dieses Mal nach Köln. Ähnelte der erste Durchgang dem Test für Piloten oder Soldaten, so fühlte man sich jetzt wie in einem gewöhnlichen Assessment Center. Es gab Einzelinterviews. Stärken? Schwächen? Warum gerade Sie? Und es gab „Gruppenspielchen“, wie es Nicola Baumann nennt. Ist man teamfähig, und kann man sich trotzdem durchsetzen? Zehn Frauen kamen weiter.

Zwei Kandidatinnen dürfen das Astronautentraining absolvieren

Im Januar kam es schließlich zur letzten Auswahl vor dem Finale. Im Medizinischen Center des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt wurden die Frauen einem medizinischen Check unterzogen. Nach Belastungstests und mehrtägigen Untersuchungen schieden wieder vier Frauen aus. Übrig blieben nur die sechs Finalistinnen. In wenigen Tagen, am kommenden Mittwoch, werden auch sie wissen, wer bei der Jury am besten abgeschnitten hat. Dann wird sich entscheiden, ob Nicola Baumann oder Insa Thiele-Eich ihrem großen Traum ein Stück näher kommen oder ob zwei andere Finalistinnen zur Astronautin ausgebildet werden.

Gleich zwei Kandidatinnen dürfen nämlich das Astronautentraining absolvieren. Sie werden für zwei Jahre in Deutschland, Amerika oder Russland Tauchen üben, Russisch lernen. Sie werden unterrichtet, in der Wildnis zu überleben und den Körper aufs All vorzubereiten. Fliegen soll am Ende nur eine, die andere bleibt Ersatz. „Die Ausbildung alleine, das wäre schon Wahnsinn“, sagt Thiele-Eich. „Hauptsache, ich bin unter den letzten zwei.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Was hat Wladimir Putin in der Ukraine vor?

Ukraine-Krise : Russlands wunde Punkte

Neue westliche Sanktionen könnten Russland hart treffen – aber auch in Ländern wie Deutschland Schaden anrichten, das von russischem Gas abhängig ist.

Nach der Flutkatastrophe : Warum ein Ehepaar jetzt an die Ahr zieht

Tamara Segers und Reinhard Boll wollten helfen und bauten im Flutgebiet eine Kaffeebude auf, die für viele Betroffene zum Ankerpunkt wurde. Jetzt zieht das Ehepaar aus dem Münsterland selbst an die Ahr. Warum?