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Menschen : Iraks Komiker

„They lie, believe me”: Sahhaf ringt um Wahrheit Bild: IRAQI TV

Muhammad Sajid al Sahaf, Des-Informationsminister des Irak, leugnete amerikanische Truppen in Bagdad, als sie ihm schon fast auf die Schulter tippten. Dafür gebührt "Comical Ali" im Internet Kultstatus.

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          Napoleon hieß im britischen Volksmund Boney, Wilhelm II. Kaiser Bill, Mussolini wurde Musso genannt, Hitler einfach Adolf und Stalin Onkel Joe. Zu ihnen gesellen sich nun einige Mitglieder des gestürzten irakischen Regimes. Da gab es den Vetter Saddams, Ali Hassan al Majid, der wegen seiner Giftgaseinsätze den Beinamen "Chemical Ali" erhielt. Und dann gibt es "Comical Ali", den übermütigen Informationsminister Muhammad Sajid al Sahaf, der am vergangenen Dienstag noch vor seinem zerbombten Amt stand und leugnete, daß die Amerikaner Bagdad erreicht hatten, während ihm einige Marines auf der gegenüberliegenden Straßenseite zuhörten.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Als der Minister am nächsten Morgen nicht mehr erschien, wußte jeder, daß das Spiel aus war. In den fast drei Wochen, in denen der uniformierte Sahaf Tag für Tag mit seinem Barett vor der Weltpresse erschien und den Vormarsch der amerikanisch-britischen Koalition in immer groteskeren Wendungen dementierte, ist er zu einer Kultfigur geworden. Seine Fähigkeit, den Tatsachen stets freudig zu trotzen, obwohl die Bilder des Kriegsgeschehens seine blumigen Worte Lügen straften, hat ihm eine wachsende Gemeinde eingebracht.

          Eigene Webseite zu seinen Ehren

          Die Erfolgsautorin Jilly Cooper klatscht sich auf die Schenkel, wenn sie daran denkt, wie der Minister stolz verkündete, daß die Irakis wie Löwen kämpften, während man sie in Unterhosen entlang dem Tigris-Ufer flüchten sah. Es waren aber nicht nur die absurden Behauptungen, die inmitten der Greuel zur Erheiterung beitrugen, sondern auch seine kuriosen Formulierungen, so etwa, als er Bush und Blair mal als Cowboys oder Al Capones, mal als blutsaugende Bastarde beschimpfte oder als er posaunte, daß Gott die Bäuche der Koalitionsmitglieder in der Hölle grillen werde.

          Nun werden T-Shirts verkauft mit seinem Konterfei und dem Spruch "Wir haben die Kontrolle", man frotzelt darüber, ob Michael Caine, Dustin Hoffman oder Robert De Niro den unwahrscheinlichen Helden in einer Hollywood-Verfilmung spielen sollte, und es gibt eine zu seinen Ehren eingerichtete Website, die am ersten Tag derart gefragt war, daß sie gleich abstürzte (www.ilovetheiraqiinformationminister.com). Dort kann man jetzt wieder die bombastischen Bonmots des zu einer Art "Monty Python"-Figur stilisierten Sahaf nachlesen.

          Sogar schon als UN-Botschafter unterwegs

          Er selbst hätte wohl am wenigsten geahnt, daß seine große Stunde in den letzten Tagen des Regimes schlagen würde, dem er lange gedient hat. Weder als Botschafter bei den Vereinten Nationen noch als Außenminister fand er eine solche Beachtung.

          1940 in Hilla südlich von Bagdad geboren, wäre er Englischlehrer geworden, wenn nicht die Politik gelockt hätte. 1963 trat er einer von Saddam geführten Gruppe bei, die sich die Gegner der Baath-Partei gewaltsam vornahm. Obwohl Sahafs Sohn, der als Arzt in Dublin arbeitet, behauptet, sein Vater sei ein anständiger Mann, der bloß Befehle ausführe, gilt er als rücksichtsloser Vorgesetzter, der seine Mitarbeiter getreten haben soll, wenn er schlechte Laune hatte.

          Als Schiit in dem sunnitisch beherrschten Regime soll Sahaf nicht zum innersten Kreis um Saddam gehört haben. Unter den 55 Spielkarten mit den Köpfen der meistgesuchten irakischen Führer fehlt er denn auch. Doch wird man sich noch an "Comical Ali" erinnern, wenn vieles andere in diesem Krieg im Sand der Geschichte verlaufen ist.

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