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Mecklenburg-Vorpommern : Im neuen Schloss der seltsamen Mirokesen

Wie neu: Schloss Mirow Bild: dpa

Nach Jahren aufwendiger Restaurierung wird das Rokokoschloss Mirow wiedereröffnet. Hier residierte einst das eher unbedeutende, aber kinderreiche Haus Mecklenburg-Strelitz – über das schon Friedrich der Große gerne spottete.

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          Hannover feiert gerade die erste Thronbesteigung eines Welfen in England vor 300 Jahren. In Mirow wird an diesem Samstag nach jahrelanger Bauzeit das Schloss wiedereröffnet. Es gibt eine Verbindung zwischen beiden Orten: Sophie Charlotte, eine in Mirow geborene Prinzessin aus dem Hause Mecklenburg-Strelitz, bestieg 1761 als Königin Charlotte den englischen Thron. Sie war die Gattin von Georg III., dem ersten Welfen, der auch schon in England geboren worden war. Bei Charlotte und Georg kann beinahe von einer Liebesheirat gesprochen werden. Man lebte fast bürgerlich in Buckingham Palace und in Kew.

          Frank Pergande
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          So politisch unbedeutend das 1701 durch den „Hamburger Vergleich“ entstandene Herzoghaus von Mecklenburg-Strelitz auch war, sein Kinderreichtum hat ihm Segen gebracht. Friedrich der Große sprach vom „Karnickelstall“ und von den „guten Leuten“, die „keine anderen Reichtümer als ihre Titel, ihre Wappen und den Stammbaum eines sehr alten Hauses“ besäßen. Friedrich kannte die Strelitzer gut. In seiner Zeit als Kronprinz von Preußen lebte er in Rheinsberg, nur ein paar Kilometer von Mirow entfernt. Es gab regen Austausch zwischen beiden Höfen. Friedrich machte sich in Briefen an seinen Vater über die Mirower „Mirokesen“ lustig. Über den Prinzen von Mirow, den Vater Charlottes, heißt es etwa: „Den Nachmittag, um ihm den Rock zu verderben, so haben wir im Regen nach dem Vogel geschossen: er wollte wohl nichts sagen, aber man konnte doch sehen, dass er sich um den Rock sehr hatte.“ Der Prinz sei oft betrunken gewesen, heißt es bei Friedrich. Und dass ihn die Preußen Cajuca nannten, Cashewnuss.

          Der Prinz von Mirow hatte neben Charlotte fünf weitere Kinder, von denen noch zwei indirekt zu Ruhm kamen. Adolph Friedrich IV., der 1753 auf den Strelitzer Thron gelangte, regte später Fritz Reuter zu seinem historischen Roman „Dörchläuchting“ an. Darin wird der Herzog nicht nur als geistig etwas wirr dargestellt, sondern ihm auch eine abergläubische Furcht vor Gewittern angedichtet. Bruder Carl gelangte nach dem Tod Adolph Friedrichs IV. auf den Strelitzer Thron. Er war der Vater der preußischen Königin Luise. Durch den Wiener Kongress wurde Carl sogar noch Großherzog. Der letzte Strelitzer Großherzog Adolph Friedrich VI. muss im wilhelminischen Berlin ein Gesellschaftslöwe gewesen sein. Im Februar 1918 erschoss er sich in der Residenzstadt Neustrelitz. Über die Gründe – Spielschulden? Frauengeschichten? Spionage? Homosexualität? – wird bis heute wild spekuliert. Beigesetzt wurden die Familienmitglieder in einer Gruft an der Mirower Johanniterkirche, die schon vor einiger Zeit restauriert wurde.

          Fürs Kuriositätenkabinett reichte das Geld nicht mehr

          Adolph Friedrich VI. jedoch hatte testamentarisch verfügt, auf der Schlossinsel unter einem Grabmal beigesetzt zu werden. Dafür wurde eine kleine Insel neben der Schlossinsel angelegt – die Liebesinsel, nur wenige Schritte vom Schloss entfernt und über eine Brücke zu erreichen. Das Schloss entstand Anfang des 18. Jahrhunderts als Witwensitz. Das eigentliche Residenzschloss stand in Neustrelitz, wurde aber 1945 zerstört. Die dritte Frau des ersten Strelitzer Herzogs – sie hieß Christine Aemilie – war mit 27 Jahren Witwe geworden. Sie ließ den Barockbau 1709 in Mirow errichten. Davon ist noch der Festsaal mit seinem reichen Stuck erhalten. Ihre Schwiegertochter Elisabeth Albertine, Charlottes Mutter, zog hier ebenfalls als Witwe ein und ließ die Flügel umgestalten. Ihre Wohnung ist Friderizianisches Rokoko – und das in Mecklenburg. Die Künstler dafür „entlieh“ sie sich beim Preußenkönig Friedrich, der sie in der Zeit des Siebenjährigen Krieges nicht mehr bezahlen konnte. Schon vor dem Tod Elisabeth Albertines hörte die Hofhaltung in Mirow auf. In der DDR-Zeit diente das Schloss als Seniorenheim. Dann stand es leer und verfiel.

          Das Land Mecklenburg-Vorpommern entschloss sich 2003, Schloss und Park zu retten. 17 Millionen Euro aus europäischen und Landesmitteln sind geflossen. Zwar war von der reichen alten Ausstattung noch einiges erhalten. Aber vieles musste in den alten Techniken rekonstruiert werden, um den Raumeindruck von einst wiederherzustellen. Jetzt erscheint das Schloss so schön, wie es vielleicht nie zuvor war. Am Ende reichte das Geld aber doch nicht, um den wertvollsten Raum wiederherzustellen, das Kuriositätenkabinett mit seinen Spiegeln und Vergoldungen. Der Name des Raums muss Programm gewesen sein. Unter anderem gab es dort eine silberne Mausefalle. Königin Charlotte übrigens wurde gar nicht in dem Schloss auf der Schlossinsel geboren, sondern im Unteren Schloss, direkt an der Straße gelegen. Das Haus sucht noch seine Zukunft. Es gehört der Gemeinde, steht leer – und zum Verkauf.

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