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Maryann Bruce : Pechmarie im Glück

  • -Aktualisiert am

An Katastrophen gewöhnt: Maryann Bruce Bild: Katja Gelinsky

Tsunamiwarnung, Lawinen, Erdbeben, Hurrikane, Terroranschläge, zuletzt eine Notlandung im Hudson River - Maryann Bruce hat schon alles erlebt. Acht Mal ist die Geschäftsfrau dem Tod von der Schippe gesprungen. Dabei führt sie eigentlich ein recht beschauliches Leben.

          „Schon wieder!“ So schoss es Maryann Bruce durch den Kopf, als sie die Durchsage von Flugkapitän Chesley Sullenberger hörte: „Schutzhaltung einnehmen, Aufprall!“ Sekunden später endete der US-Airways-Flug 1549 im Hudson. Die Bilder von „Sullys“ Notwasserung vor Manhattan gingen vor einem Jahr um die Welt. Als Maryann Bruce die Hände vom Kopf nahm und sich in ihrem Sitz aufrichtete, war ihr erster Gedanke: „So schlimm war es gar nicht.“ Maryann Bruce ist eben an Katastrophen gewöhnt: Tsunamiwarnung, Lawinen, Erdbeben, Hurrikane und Terroranschläge – die 49 Jahre alte Amerikanerin hat alles miterlebt.

          Dabei ist sie wirklich keine Abenteurerin. Maryann Bruce ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau, Investmentmanagerin, sportlich-elegant. Der silberne Lidschatten ist auf die zarte Silberkette mit den Perlen und auf das hellgraue Jackett abgestimmt, das sie zur schwarzen Hose trägt. Ursprünglich kommt sie aus New York. Aber dann waren sie und ihr Mann Ron die Hast in der Metropole leid. Vor zehn Jahren zogen sie mit den beiden Kindern Alex und Vicky, die mittlerweile Jugendliche sind, runter nach Cornelius, nahe Charlotte im Südstaat North Carolina.

          Das stattliche Haus der Familie liegt am See. Vom Wohnzimmer mit dem mächtigen Kamin, umgeben von Ölbildern in schweren Rahmen, blickt man durch große Bogenfenster auf die Terrasse und auf einen kleinen, privaten Anlegesteg. Im Sommer werden sie im Lake Norman wieder baden und Wasserski fahren: „Wir sind naturverbunden, treiben gern Sport und reisen viel.“ Maryann Bruce stellt eine von der Haushälterin vorbereitete Schale mit Erdbeeren und Melonenstücken auf den Couchtisch. Ihr Leben scheint so bequem und sicher zu sein wie das Sofa mit den vielen Kissen, auf dem die Gastgeberin nun Platz nimmt.

          Dabei ist sie keine Abenteurerin, sondern eine erfolgreiche Geschäftsfrau

          Tsunamiwarnung und ein verlorener Urlaubstag

          Umso erstaunlicher ist, wie viele Kalamitäten und Katastrophen sie erlebt hat. Für einen Actionfilm reicht es allemal. Maryann Bruce nimmt die Gefahren sportlich. „Mit der Notlandung im Hudson River habe ich dem Tod zum siebten Mal ein Schnippchen geschlagen.“ Eine frühere Notlandung ist dabei nicht mitgezählt. Nachdem ihr Flugzeug in Texas gestartet war, geriet eine Tragfläche in Brand. „Aber das ist schon zu lange her!“

          Ihre Kalamitätenliste beginnt Mitte der achtziger Jahre mit einem Tsunamialarm. Das Ehepaar Bruce sonnte sich auf der Hawaii-Insel Oahu am Pool, als Sirenen losgingen. „Wir haben uns nicht gerührt, bis jemand sagte, das sei eine Tsunamiwarnung.“ Das Hotel wurde evakuiert, und die Gäste mussten einen Tag in einer Kirche ausharren. Zum befürchteten Seebeben kam es dann nicht. „Ein verlorener Urlaubstag“, ärgert sich die Investmentmanagerin.

          Einige Monate später - ihr Vater hatte einen Herzinfarkt erlitten - nahm Bruce, die auf Reisen war, den nächsten Flug nach New York. Unterwegs geriet das Flugzeug in den Hurrikan „Gloria“, den ersten Wirbelsturm seit Beginn der sechziger Jahre, der direkt auf New York traf. „Die Maschine wurde mächtig hin und her geschleudert.“ Angst um sich selbst habe sie aber nicht gehabt. „Meine größte Sorge war, dass ich es nicht rechtzeitig zu meinem Vater schaffen würde.“

          „Mir war ja nie etwas passiert“

          Das nächste Mal erfuhr die Amerikanerin durchs Fernsehen, dass sie sich glücklich schätzen konnte, gesund und munter zu sein. Das war Ende der achtziger Jahre im Winterurlaub in Colorado. Ron und Maryann Bruce hatten es sich nach einem herrlichen Tag auf der Skipiste in ihrem Apartment gemütlich gemacht. Als sie die Nachrichten einschalteten, wurde gerade von einem Lawinenunglück berichtet. Mehrere Skifahrer seien verletzt worden. Es folgten Bilder vom Unglücksort. „Hey, Ron“, rief Maryann Bruce ihrem Mann zu, „das ist die Piste, auf der wir vorhin gelaufen sind.“ Doch auch das Lawinenunglück war bald vergessen: „Mir war ja nie etwas passiert.“

          Ins Grübeln geriet die Amerikanerin erst im Februar 1993 beim ersten Anschlag auf das World Trade Center. Sie arbeitete in einem der Zwillingstürme. „Damals fing ich an, die Ereignisse zu zählen, die ich überlebt habe.“ Die Investmentmanagerin war in ihrem Büro im 34. Stockwerk, als radikalislamische Terroristen ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug in die Tiefgarage des World Trade Center fuhren. Bei dem Anschlag wurden sechs Menschen getötet und mehr als 1000 verletzt. „Wir hörten diesen enormen Knall“, erinnert sie sich. „Das ganze Gebäude zitterte.“

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