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Martin Rütter : Der Hundeversteher

  • -Aktualisiert am

Aufklärer, Berater, Unterhalter: Martin Rütter Bild: Kai Nedden

Als Teenager durfte er selbst keinen Hund haben. Heute ist Martin Rütter die „Super-Nanny“ für die Tiere - und ihre Besitzer. Er gebietet inzwischen über ein kleines Imperium.

          Der Taxifahrer fragt, ob die Adresse wirklich stimmt. Nummer 56 ist ein Bordell. Das Haus hat, wie sich herausstellt, noch einen anderen Eingang, aber viel repräsentativer ist der auch nicht. Der Weg zur Zentrale des Hundeprofi-Imperiums im Bonner Stadtteil Beuel führt durch ein heruntergekommenes Treppenhaus und verwinkelte Gänge, vorbei an einem trostlosen Konferenzraum mit orangefarbenen Plastikstühlen.

          Martin Rütter sitzt im Werbe-T-Shirt in einem großen unaufgeräumten Raum, an seinem Schreibtisch lehnt ein riesiger Stoffhund, der es geschafft hat, anders als die meisten Fan-Mitbringsel nicht weiterverschenkt zu werden. Sein Büro teilt sich der Chef mit zwei Mitarbeiterinnen. Er hat es nicht so mit Äußerlichkeiten und Statussymbolen. Die Firma wächst so schnell, dass die Räume schon wieder zu klein geworden sind. Aber das Gemeinschaftsleben ist vielleicht auch eine Notwendigkeit bei jemandem, der ununterbrochen Ideen hat - und keine Geduld zu warten, bis jemand, der sich um ihre Verwirklichung kümmert, aus einem anderen Zimmer gekommen ist. „Vorne rechts ist Gas, anders geht das nicht“, sagt er. Vor drei Jahren, mit 37, hatte er einen Herzinfarkt.

          Martin Rütter hat es geschafft, eine lukrative Nische zu füllen. Er ist der Hundeversteher und Hundeerklärer der Nation geworden. Auf dem Erfolg seiner Fernsehsendungen, in denen er im Stil der „Super-Nanny“ Hausbesuche macht, hat er ein wachsendes Hundelehr- und Unterhaltungs-Unternehmen aufgebaut. Und er war, darauf legt er Wert, mit seinem „Coaching-Format“ schon vor der „Super-Nanny“ auf Sendung.

          Rütter in seiner Hundeschule in Erfstadt

          Bettina Böttinger hat ihn entdeckt

          2003 wurde er von der Fernsehproduzentin Bettina Böttinger für den WDR entdeckt, vor zwei Jahren hat er eine Heimat bei Vox gefunden, wo er jeden Samstagnachmittag in einer Stunde jeweils zwei Fälle löst. Es sind klassische Geschichten: Hilfe, mein Hund versucht, die Wohnung / den Besuch / andere Hunde aufzufressen. Der Ablauf ist immer gleich: vom ersten Treffen Rütters mit dem Problemhund - genauer: den Problembesitzern - über mühsame Trainingsschritte bis zur Verabschiedung nach dem dritten Besuch, wenn Rütter in die Kamera spricht, dass noch viel zu tun sei, aber man doch gewaltige Fortschritte gemacht habe. (In Wahrheit, sagt er, umfassten die Dreharbeiten drei bis sechs Monate und rund zehn Trainingsstunden, was manche rasanten Fortschritte erklärt und andererseits anderen Hunde-Experten angesichts der oft überschaubaren Probleme erstaunlich viel vorkommt.)

          „Der Vorteil im Vergleich zur ,Super-Nanny' ist: Wir suchen uns nicht die extremen Fälle aus“, sagt Rütter. „Wir nehmen nicht den besoffenen Alkoholiker, der seinen Hund verprügelt, und gehen nicht zur Messie-Frau, die vierzig Hunde im Wohnzimmer hält. Der Anspruch an die Sendung ist, dass möglichst viele Hundeleute beim Zugucken sagen sollen: Kenn' ich!“ Es gab aber auch schon eine „Hundeprofi“-Sendung, die damit endete, dass die Hundebesitzer sich entschlossen, ihr schwieriges Tier wieder abzugeben, weil die Frau schwanger geworden war. „Wir haben versucht, sie zu überreden, den Hund noch vier Wochen zu behalten, bis wir einen neuen Besitzer gefunden haben“, erzählt Rütter, damit die Geschichte im Fernsehen ein Happy End hat, aber die Frau lehnte ab. Sie ist nach der Ausstrahlung von vermeintlichen Tierschützern terrorisiert worden, „die Leute haben der dicke Haufen vor die Tür gelegt, richtig schlimm“.

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