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„Mardi Gras“ in New Orleans : „The throw must go on!“

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Elvis in New Orleans Bild: REUTERS

Bunt und schrill, heidnisch und christlich, europäisch und afrikanisch: Für New Orleans ist der traditionelle Karneval im Jahr nach dem Wirbelsturm „Katrina“ nicht nur ein Spiel.

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          Kein Problem, kurz vor Beginn des Umzugs bis ganz nach vorne an die Absperrgitter entlang der Paradestrecke zu kommen. Kaum ein Problem, Dutzende der Plastikketten und Plastikbecher, der Blechtaler, Gummibällchen und Schlüsselanhänger zu fangen, die von den Wagen des Karnevalsumzuges in die Menge geworfen werden. Aber das übliche Problem, die Polizisten davon zu überzeugen, daß man gerade jetzt, wo der Abstand zwischen den „floats“ genannten Umzugswagen groß genug wäre, die Straße gefahrlos überqueren und dabei noch ein paar zusätzliche Ketten, Becher und Bällchen aufheben könnte.

          Denn Ordnung muß sein, gerade zu Zeiten der öffentlich sanktionierten Ausschweifungen beim Karneval. So ist es auch dieses Jahr beim „Mardi Gras“, der vor allem in New Orleans, aber auch in anderen Städten an der amerikanischen Golfküste jedes Jahr ausgiebig gefeiert wird und zum Beispiel in der „Big Easy“ genannten Stadt am Fluß Mississippi auf eine mehr als 300 Jahre alte Tradition zurückschauen kann. So gründete Pierre Le Moyne d'Iberville aus Quebec am Rosenmontag 1699 für die französische Krone die erste feste Siedlung an der Mündung des Flusses Mississippi und nannte das anderntags aufgeschlagene Lager, etwa 60 Kilometer flußabwärts vom heutigen New Orleans gelegen, folgerichtig „Pointe de Mardi Gras“. Zwar setzte Pierres jüngerer Bruder Jean-Baptiste Le Moyne de Bienville erst 1718 seinen Fuß auf das Schwemmland am Ufer des Mississippi, wo sich die heutige Stadt und der viertgrößte Hafen der Vereinigten Staaten befinden, und taufte die Stadt zu Ehren des Grafen von Orleans „Nouvelle Orleans“. Doch es ist nur eine gerade zu Faschingszeiten vielleicht statthafte kleine Übertreibung, wenn man die Gründung von New Orleans sozusagen spirituell auf einen Faschingsdienstag legt.

          Bunt und schrill und heidnisch

          Jedenfalls wird Karneval in New Orleans und an der gesamten Küste des Golfes von Mexiko seit Urzeiten gefeiert - bunt und schrill, heidnisch und christlich, europäisch und afrikanisch. Die erste Karnevalsparade mit meterhoch gebauten Umzugswagen ließ sich 1857 ein privater Club wohlhabender weißer Amerikaner aus dem vornehmen „Garden District“ einfallen. Dieser „Mistick Krewe of Comus“ genannte Club war Vorbild für die heute allesamt „Krewes“ - eine verballhornte Schreibweise des englischen „crews“ - genannten Karnevalsgesellschaften, die auf ihren Paraden meist Könige und Königinnen samt Hofstaat aus Phantasiereichen vorführen. Die ersten „throws“, also die von den Umzugswagen dem Publikum zugeworfenen Karnevalsdevotionalien, verzeichnen die Geschichtsbücher im Jahre 1871. Aber zum Massenbrauch wurde das Werfen des Billigschmucks erst in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

          Elvis in New Orleans Bilderstrecke
          „Mardi Gras“ in New Orleans : „The throw must go on!“

          Seither sind die Vereinigten Staaten immerzu gewachsen - an Größe, Macht und Einfluß in der Welt. Und seither sind die Karnevalsumzüge in New Orleans gewachsen. Zuletzt, das heißt im Februar 2005, wurde „Mardi Gras“ zwölf Tage lang gefeiert, wobei die Umzüge bis zum Höhepunkt am Faschingsdienstag immer größer, länger und auch lauter wurden. Bis am 29. August 2005 der Hurrikan „Katrina“ kam und die vom Lake Pontchartrain in die Entwässerungskanäle und über die Deiche drückenden Wassermassen die Stadt New Orleans zu 80 Prozent überfluteten. Monatelang war man nicht sicher, ob es angesichts der gewaltigen Zerstörungen im Jahr 2006 überhaupt einen „Mardi Gras“ geben würde oder ob man den Karneval nicht lieber ausfallen lassen sollte - weil es nach der Jahrhundertkatastrophe nichts zu feiern gebe. Doch schon im vergangenen Herbst war man sich im Rathaus und bei den Dutzenden „Krewes“ einig, daß es gerade im ersten Jahr nach „Katrina“ darauf ankomme, „Mardi Gras“ wie seit anderthalb Jahrhunderten zu feiern - als Zeichen kultureller Selbstbehauptung und als Signal wirtschaftlichen Wiederbeginns nach Zerstörungen in einer geschätzten Höhe von 35 Milliarden Dollar.

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