https://www.faz.net/-gum-uqfn

Marbella : Vierzig Stunden als Millionär

Ein Strandbett für 100 Euro? Bild: REUTERS

Eine junge Unternehmerin hat sich darauf spezialisiert, selbst ungewöhnlichste Wünsche reicher Menschen zu erfüllen. Wer mag, kann seine Freunde tagelang im U-Boot bewirten, ohne einmal aufzutauchen. Paul Ingendaay war ein Millionär für vierzig Stunden.

          5 Min.

          Vierundzwanzig Grad im Mai. 27,8 Grad im Juni. 31,3 Grad im Juli. Das waren die Höchsttemperaturen des Jahres 2005 in La Zagaleta an der Costa del Sol. Man kann sich das im Internet anschauen, und es ist ein bisschen wie bei der Wertentwicklung börsennotierter Unternehmen: Wie gern wäre man früh investiert gewesen und hätte an der Aufwärtsbewegung der Märkte partizipiert. Was hätte man im Mai 2005 bei 24 Grad nicht alles machen können!

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          La Zagaleta ist kein Dorf und keine Stadt, sondern eine Luxussiedlung mit Privatklub und Golfanlage. Die einen kaufen, die anderen mieten. Hat man das Wachpersonal hinter sich gelassen und gleitet über die sanft geschwungenen Straßen, sieht man nur noch majestätische Baumgruppen, grüne Hügel mit enormen Villen darauf, dazu Flecken sauber rasierten Rasens und das triumphierend strahlende Blau der Swimmingpools. „Wirklich schön“, denke ich, „da hat sich jemand etwas gedacht, Reichtum kann doch auch sinnvoll arrangiert sein.“ In der Broschüre von La Zagaleta, dem ersten Köder für Investoren, heißt es, zwischen allen Villengrundstücken sei ein Mindestabstand von zehn Metern gelassen worden, damit Hirsche und Wildschafe „volle Bewegungsfreiheit haben“. Während der Ferrari mit leisem Grummeln die Steigung nimmt, wo weitere Villen, noch mehr Bäume und atemraubende Ausblicke bis nach Gibraltar warten, schaue ich mich um, ob nicht irgendwo ein Wildschaf die Straße überquert.

          Vierzig Stunden als Millionär

          Das Wachpersonal ist keineswegs überrascht, als wir mit einem Dutzend Ferraris, einem Rolls-Royce, einem Porsche und einem Aston Martin durch das Tor rollen. Nicht zum ersten Mal denke ich, dass alle in Marbella und Umgebung in einer subtilen Beziehung zu unserer Gastgeberin stehen. Theresa Bernabé betreibt seit drei Jahren ein Immobilienbüro in Puerto Banús und seit zwölf Monaten einen Fernsehsender im Internet „ausschließlich für Millionäre“. In dieser Ausschließlichkeit, die sie mit der ganzen Welt teilt, liegt das Geheimnis ihres Erfolges. Die Unternehmerin findet, alle Menschen sollten an Eleganz, Luxus und Exklusivität teilhaben, und während der Ferrari die Anhöhe zum Helikopterlandeplatz von La Zagaleta erklimmt, finde ich das auch. Und deswegen sind wir hier. „Theresa“, wie sie sich nennen lässt, möchte mit uns das einjährige Bestehen ihres Fernsehkanals für Superreiche feiern. Sie will uns zeigen, wie es sich vierzig Stunden lang als Millionär lebt.

          Sportwagen in Marbella
          Sportwagen in Marbella : Bild: REUTERS

          Aber es ist so eine Sache mit dem Millionärsein: Entweder man ist es, oder man ist es nicht. Der Mann zum Beispiel, der mich seit dem Vormittag in seinem Ferrari durch die Gegend fährt, Emilio aus Gibraltar, könnte durchaus einer sein, benimmt sich aber nicht so. Er ist Bauunternehmer und hat einfach Spaß an Sportwagen. Das Goldkettchen an seinem gebräunten Arm könnte auch aus Köln-Pulheim stammen. Kürzlich hat seine Firma den Bau von siebenhundert Appartements in der Region Murcia abgeschlossen. Jetzt kommt eine gigantische Wohnanlage in Toledo dran. Emilio also hat den Ferrari 550 Maranello sowie einen Porsche oder ein Mercedes-Coupé, genau habe ich das nicht verstanden, weil der Ferrari so dröhnt. Seine Frau fährt den Toyota, mit dem sie die Einkäufe erledigt. Später, auf der Rennstrecke „Ascari“ bei Ronda, auf der auch private Formel-1-Wagen an den Start gehen, sagt Emilio, das sei nicht so seine Sache - ein Nachmittag, und die neuen Reifen seien hin. Ob er etwas dafür bekomme, dass er heute einen halben Tag für Theresa opfert? Nein, sagt Emilio, er tue das für einen Freund, dessen Freund ein Freund von Theresa sei. Alle zusammen seien sie eben im Ferrari-Club Andalusien, man kenne sich, treffe sich zu Ausfahrten und so.

          Die Probleme der Ferrarifahrer

          Emilio verstummt, weil vor uns, auf der Landstraße nach Ronda, schon wieder ein Lastwagen die Steigung hochkeucht. „Zu viele Laster“, sagt er. Darin liegt die ganze Dialektik der verschandelten, zugebauten Costa del Sol, wo jeden Sommer reiche Araber samt Hofstaat und Luxusfuhrpark ihre Paläste beziehen. Die Lastwagen transportieren die Baustoffe, mit denen Tausende hier ihren märchenhaften Reichtum verdienen. Und sie verstopfen die vormals idyllischen Bergstraßen, auf denen Tausende ihren Reichtum ausleben wollen. Wenig später hält unsere Kavalkade an, weil vier oder fünf Ferraris tanken müssen. Ein Wahnsinn, mit welchen Problemen sich Ferrarifahrer herumschlagen müssen.

          Unsere Programmpunkte sind zuviel für vierzig Stunden als Millionär, aber das ist ja gerade das Schöne: Die Sachen sprudeln so richtig und benebeln unsere Sinne. Wir sollen zwei Nächte in „Las Dunas“ verbringen, dem einzigen Hotel hier, das nur Suites anbietet. Wir sollen in exklusiven Restaurants und Beachclubs essen. Das schnellste Auto der Welt fahren. Auf einer tollen Yacht einen tollen Sonnenuntergang erleben. Das teuerste Parfüm der Welt riechen.

          Der Duft von hundertsiebzig Rosen

          Das teuerste Parfüm der Welt wird uns von Victoria präsentiert, die dafür aus London eingeflogen wurde und gleich am nächsten Morgen wieder zurück muss. Sie sei eben keine Millionärin, sagt Victoria später, und wir lachen. Unter Nichtmillionären versteht man sich sofort. Was das teuerste Parfüm der Welt betrifft - das Riesenflakon soll 250 000 Euro kosten, die Portion von einer Unze dagegen nur dreitausend -, es wird vor unseren Augen „erst zum dritten Mal enthüllt“, und ich frage mich, wer die Ersten und Zweiten waren. In einem einzigen Tropfen des teuersten Parfüms der Welt, sagt Victoria, sei der Duft von hundertsiebzig Rosen konzentriert, und die Tradition dieses Dufts gehe zurück auf Queen Victoria und das Jahr 1872. Ich schaue mich um, ob die Kollegen vielleicht dasselbe denken wie ich, nämlich, dass Queen Victoria nicht die erste Frau ist, die einem einfällt, wenn man an den verführerischen Duft von hundertsiebzig Rosen denkt.

          Beim Cocktail auf der Terrasse - drüben ziehen Möwen über das Meer - hat Theresa Bernabé Zeit für ein längeres Gespräch und erzählt, der Erfolg ihres Fernsehkanals sei überwältigend. Im ersten Jahr seien zweihundert Artikel darüber geschrieben worden, und ihre Internetseite erziele 120 000 Klicks im Monat. Woher die Leute denn so kämen, die klicken, fragen wir. „Aus 146 Ländern“, sagt sie und strahlt. Es ist ein vielfältig deutbares Strahlen. Eines der Teilnahme, des Dazugehörens und permanenter Verfügbarkeit. Tatsächlich spricht Theresa jetzt davon, wie sie sich auf dem Markt behauptet. Die einen etwa bieten Luxushäuser an, die anderen Luxusautos, die dritten Segelyachten. Bei ihr bekomme der Kunde alles.

          Ein Haus mit Tankstelle

          „Soll ich denn einem Interessenten aus Kanada oder den Vereinigten Arabischen Emiraten sagen: Das kann ich nicht, das gibt es nicht? Nein. Ich sage dem Kunden, dass ich mich darum kümmere.“ Sie strahlt wieder. Worum es sich bei solchen Problemlösungen denn handle? Über Summen spricht Theresa ungern, es sei denn, sie beziehen sich auf irgendetwas Größtes oder Teuerstes der Welt, doch so viel verrät sie: Da gab es einen Kunden, der wollte nicht nur eine riesige Villa an der Costa del Sol kaufen, sondern auch noch eine Tankstelle dazu, direkt am Haus. Er ertrug es nicht, vor Zapfsäulen zu warten. „Die habe ich ihm besorgt“, sagt Theresa. „So etwas lässt sich doch einrichten.“ Für ihr kurzes Leben hat die sechsundzwanzigjährige Unternehmerin viel erreicht. Mit dreiundzwanzig das Studium abgeschlossen, dann ein paar Monate in einer Immobilienagentur, was ihr nicht gefiel, weil es ihrem Arbeitgeber „nur um Profit“ gegangen sei. Da machte sie ihre eigene Agentur auf und begann mit dem, was sie unter Kundenpflege versteht: nicht Häuser verscherbeln, sondern Beziehungen aufbauen und Freunde gewinnen. Die Sache scheint sich zu lohnen, denn der Schwerpunkt liegt auf der Vermittlung von südspanischen Villen von vier Millionen Euro aufwärts. Demnächst sollen New York, Dubai und die Karibik dazukommen. Neulich hat sie eine 115-Millionen-Villa in London verkauft. „Die Welt ist mein Zuhause“, sagt sie. Ob sie viel reist oder wenig, sie tut es für die Kunden.

          Weil für Theresa Bernabé nichts zu absurd ist, als dass es die Phantasie sehr reicher Menschen nicht hervorbringen könnte, bietet sie seit neuerem Unterseeboote an, auf denen man seine Freunde ein paar Tage lang vor der Küste Marbellas bewirten kann, ohne ein einziges Mal aufzutauchen. Das maßgeschneiderte Modell „Phoenix 1000“ ist 65 Meter lang und kostet achtzig Millionen Dollar, aber es gibt auch kleinere zwischen drei und fünf Millionen. Im August 2003 etwa, als es so mörderisch heiß war, wäre so ein U-Boot vor der Küste die Rettung gewesen.

          „Strandmatte? Das sind Betten!“

          Später, lange nach dem Ferrari und kurz vor meiner Fahrt im Rolls-Royce, lege ich eine Strecke im Taxi zurück und lasse die Häuserzeilen an der Landstraße an mir vorbeizischen. Die Costa del Sol ist ein riesiges Investitionsgetto, in dem jeder nach einem Stück greift. An der Straße stehen Restaurants, Bordelle, Supermärkte und Möbelhäuser, das Übliche. Wo es teuer wird, in den Beachclubs, werden ohne Zucken hundert Euro täglich für die Strandmatte bezahlt. „Matte?“, sagt ein Angestellter. „Das sind Betten!“

          Ja, aber es bleiben hundert Euro. In meinem Hotel übrigens singt nächsten Monat Julio Iglesias vor zweihundert Gästen, es gibt Abendessen und Candlelight. Das Ticket kostet tausendfünfhundert Euro. Dass mir so etwas noch aufschreibenswert erscheint, kann nur eines bedeuten: Ich muss das Paradies verlassen. Die vierzig Stunden sind um.

          Weitere Themen

          Klimaforscher warnen vor schweren Naturkatastrophen Video-Seite öffnen

          Weltklimarat : Klimaforscher warnen vor schweren Naturkatastrophen

          Experten aus fast 200 Ländern beraten über den Klimabericht des Weltklimarats. Einem Entwurf zufolge warnen die Forscher vor schweren Naturkatastrophen, falls die Erderwärmung nicht aufgehalten werden kann.

          Die Pandemie im Überblick

          Zahlen zum Coronavirus : Die Pandemie im Überblick

          Das Coronavirus ist noch nicht besiegt. Alle Welt blickt mit Sorge auf die erstmals in Indien sequenzierte Delta-Variante. Wie sich die Infektionszahlen im In- und Ausland entwickeln – unsere Karten und Diagramme geben einen Überblick.

          Topmeldungen

          Beatrix von Storch (rechts), stellvertretende AfD-Vorsitzende, Jair Bolsonaro, Präsident von Brasilien, und Sven von Storch, Ehemann von Beatrix, stehen im Präsidentenpalast zusammen.

          AfD-Vize in Brasilien : Bolsonaro hat Beatrix von Storch empfangen

          Die AfD sucht im Ausland nach Verbündeten. In Brasilien traf die Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch nun den rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro. Nicht jedem gefällt der Besuch der Deutschen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.