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Existenzielle Erfahrung : So fühlt sich ein Marathon an

  • Aktualisiert am

Gut 42 Kilometer, das ist ein Marathon, egal ob in Toronoto (wie au dem Foto) oder in New York, Frankfurt oder Stockholm. Bild: USA Today Sports

Er ist kräftezehrend – und vor allem eine existentielle Erfahrung. Acht Läufer rennen ihren Erinnerungen an 42,195 Kilometer hinterher.

          9 Min.

          5:36

          Kurz vor sechs Uhr früh. Es ist noch dunkel auf dem Campus der Universität von Kapstadt. Plötzlich dröhnt es aus Konzertboxen auf den Dächern der Uni-Gebäude rechts und links der Straße: „Hossa-hossa-ho, hossa-hossa-ho!“ Ekstatisch, elektrisierend. Genau der richtige Antrieb für Tausende Männer und Frauen, die aufgekratzt auf den Schuss warten: den Startschuss für den Two-Oceans-Marathon rund um die Kap-Halbinsel. Wer nicht in den ersten Reihen steht, bekommt den Schuss gar nicht mit. Er sieht nur, wie sich das Feld nach vorne schiebt, einer Raupe gleich, in Wellenbewegungen, auf und ab. Nach dem ersten Anstieg verläuft die Strecke 15 Kilometer lang erst abschüssig und dann flach, die Schnellen ziehen bald davon. Wer bisher nur Marathon gelaufen ist, also 42 Kilometer, hält sich besser zurück. Denn an diesem Aprilmorgen stehen 56 Kilometer an. Da heißt es: sich sklavisch nach der Uhr richten, den Rhythmus halten, die Landschaft und den Sonnenaufgang über dem Indischen Ozean genießen. Und immer wieder trinken. Nach gut zweieinhalb Stunden steht die Sonne hoch am Himmel.

          Zudem steht der erste Anstieg bevor. 170 Höhenmeter geht es von Kilometer 31 bis 35 die Küstenstraße Chapman’s Peak Drive hinauf, die eine grandiose Aussicht auf das Städtchen Hout Bay bietet. „Lekker“, würde der Südafrikaner sagen. Bald darauf sieht der Läufer aus Hessen mit mulmigem Gefühl: Das war erst das Vorspiel. Nach zwei Kilometern Entspannung bei 27 Grad im Schatten steigt die Strecke wieder an. Der nächste Höhepunkt folgt dann bei Kilometer 42. Da haben die Südafrikaner ein „Start“-Banner über die Strecke gespannt. Will sagen: Hier beginnt der Lauf im Grunde erst richtig. Wie wahr! 200 Höhenmeter sind es zum Constantia Nek bei Kilometer 45 – und danach all up and down. So mancher geht jetzt nur noch. Aber aufgeben? Wie gut, dass helfende Hände salzige Kartoffeln mit Schale reichen, das gibt Kraft und hebt die Laune. Und der Sprühregen aus Gartenschläuchen ist ein Segen. Schließlich folgt die letzte Runde im Stadion der Universität und nach gut fünfeinhalb Stunden das Zielbanner. Dahinter steht in Plastikwannen gekühltes „Castle light“  gebraut nach deutschem Reinheitsgebot.

          Thorsten Winter

            

          3:55

          Als ich während meines ersten Marathons die letzten Meter in Angriff nahm, stieg plötzlich mein Puls. Die Schmerzen der letzten Stunden verflogen, ich wurde schneller und schneller. Meine Gedanken machten Sprünge: die ersten Läufe, die ich während meines Wehrdiensts machen musste; die wunderbaren Wanderungen in Skandinavien; wie großartig der Zieldurchlauf werden würde. Das musste das Hochgefühl sein, von dem viele Läufer berichten, das runners high. Im Vorbeifliegen sagte ich einem humpelnden Mann, er könne es schaffen, es sei nicht mehr weit. Es war herrlich. Meine Füße flogen, ich lief in die letzte Kurve. Der Weg wurde eng, wir Läufer drängten uns zusammen, immer noch mit flottem Schritt. Von hinten drückten die Schnelleren und riefen: „Los jetzt, schneller“. Die Herde drehte durch. Einer schubste, einer stürzte - vom Läuferhoch zum Läufertief. Mit ein paar Fremden und unter dem leisen Piepsen der Zeitmessung überquerte ich die Linie. „Bitte schnell den Zielbereich freimachen“, rief ein Mann und wies mir den Weg. Ich bekam eine silber-goldene Isolationsfolie und eine namenlose Medaille.

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