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Maikäferplage : Vielbesungener Schädling

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Der Maikäfer wird in Südhessen zur Plage, die Lage des Waldes ist ernst: Wurzeln sind zerstört und Bäume kahl gefressen. Behörden sehen schon den Bestand gefährdet. Doch nicht die Käfer sind das eigentliche Problem, vielmehr ihre Larven.

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          2006 ist Maikäferjahr. Wer in der Abenddämmerung am Darmstädter Kreuz auf der Autobahn in Richtung Süden fährt, vernimmt Geräusche, als ob unsichtbare Tischtennisbälle auf die Scheiben klatschten. Bei Lampertheim muß man in dieser Woche sogar damit rechnen, daß eine Wolke von Maikäfern über die Autobahn schwärmt. Und in den Wäldern Südhessens lassen sie sich allüberall vernehmen, beobachten, auf die Hand nehmen, einsammeln.

          Dabei trifft der Frühlingsbote längst nicht mehr auf ungeteilte Begeisterung. Vielmehr ist er zur Plage geworden. Das hängt damit zusammen, daß seine Population über eine lange Periode gewaltig wächst und er dann alle vier Jahre massenhaft auftritt.

          Alternative: Maikäfer oder Wald

          Wer nicht an die Maikäferplage glauben mag, den stellen die Forstleute unter knapp zehn Meter hohe, junge Eichen und schütteln diese. Da prasseln schon einmal 500 Käfer herunter. Doch nicht die Käfer sind das eigentliche Problem, vielmehr ihre Larven. Sie setzen den Wurzeln der Sträucher und vor allem der Bäume in solchem Maße zu, daß das hessische Umweltministerium schon von der Alternative spricht: Maikäfer oder Wald.

          2006 ist Maikäferjahr

          War 1986, zu Beginn der Massenvermehrung, noch die Rede von 20 Hektar befallener Fläche in Südhessen, so sprechen die Behörden heute von 9000 Hektar, also einem Drittel des südhessischen Waldes, von dem wiederum 5000 Hektar so starke Schäden zeigten, daß der Bestand bedroht sei.

          Zur Zeit sitzen die Waldmaikäfer in den Eichen und Buchen und fressen sich von den Kronen der Bäume abwärts. Im Boden sieht man noch die Löcher, aus denen sie gekrochen kamen. Denn mit den warmen Tagen Ende April und Anfang Mai ist ihre Zeit gekommen. Die Käfer pumpen sich auf und setzen sofort zum Flug in die Bäume an. Zwei Wochen lang fressen sie, dann sind die Fortpflanzungsorgane so weit ausgebildet, daß sich die Weibchen etwa 20 Zentimeter tief an vergrasten Teilen des Waldes eingraben und 20 bis 30 befruchtete Eier ablegen. Einem Drittel der Weibchen gelingt danach noch eine zweite Eiablage.

          Vernichtete Wurzeln und blattlose Bäume

          Nach sechs Wochen schlüpft der Engerling. Er beginnt gleich zu fressen - zunächst die zarten Wurzeln von Gräsern. Später, wenn sich die Freßwerkzeuge und die Freßgier entwickelt haben, vernichtet er feine Baumwurzeln völlig, von stärkeren nagt er die Rinde ab. Hohe Vorkommen von Engerlingen haben zur Folge, daß die Bäume auf großer Fläche absterben, weil sie Wasser und die darin gelösten Nährstoffe nicht mehr aufnehmen können.

          Im vierten Jahr verpuppen sich die Engerlinge, und schon im September schlüpfen die fertigen Maikäfer. Sie überwintern in etwa 80 Zentimeter Tiefe im Waldboden, den sie im darauffolgenden Frühjahr verlassen. Sie bevorzugen die heimischen Eichen, weichen auch auf Buchen aus, selten auf Nadelbäume. Mit Beginn der Dämmerung setzen sie zu ihrem etwa einstündigen Käferflug an und suchen nach Partnern für die Paarung. Der Flug endet abrupt nach Sonnenuntergang.

          Blattlose Bäume hinterlassen sie, doch den Kahlfraß können die Bäume aushalten, da sie ein zweites Mal austreiben. Kommt es aber zu einer Kombination mit anderen schädlichen Faktoren wie Schmetterlingsraupen, Grundwasserabsenkungen oder Schadstoffen, dann sind die Bäume bedroht. Und neue Bäume zu pflanzen, sagt einer der Förster, sei angesichts der Engerlinge im Boden so vielversprechend, wie Geldscheine auf den Waldboden zu legen.

          Ideale Bedingungen in der Rheinebene

          Der Maikäfer ist seit den achtziger Jahren auf dem Weg nach Norden. Er nutzt in den Wäldern der Rheinebene ideale Bedingungen: Hier findet er die Eichen, hier herrscht mildes Klima, der Sandboden bietet weichen Untergrund, und das Grundwasser ist so weit gesunken, daß Pilze und Sporen als natürliche Feinde ausfallen. Zwar freuen sich Vögel über die Schwemme, doch sie werden der Plage nicht Herr.

          In dieser Woche steigen wieder Hubschrauber auf und bekämpfen den Käfer mit Hilfe von biologisch wirkenden Präparaten. Dazu wurden Versuchsflächen definiert, die groß genug sein müssen und auch Zuflüge von Käfern aus unbehandelten Flächen weitgehend ausschließen. Zudem sollen in Zusammenarbeit mit der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft Darmstadt Sporen des natürlich im Waldboden vorkommenden Pilzes „Beauveria brongniartii“ ausgebracht werden. Der Pilz soll auf biologische Weise die Population reduzieren und unter günstigen Bedingungen auch die Massenvermehrung unterbinden.

          Und man will Neem-Azal-T/S einsetzen, ein Öl, das aus Samen des indischen Flieders gewonnen wird. Das Mittel soll die Aktivität des Käfers vermindern und sterilisierend wirken. Begleituntersuchungen sollen die Wirksamkeit belegen und für das nächste Maikäferjahr 2010 Optionen schaffen.

          Maikäferbekämpfung ein Dauerproblem

          Die Vorgehensweise aber findet Widerspruch bei Naturschutzverbänden, die den Maikäfer und die Schwankungen in der Population als natürlich betrachten. Statt mit der Giftspritze herumzuhantieren, sollte man ein Gesamtkonzept zur Walderhaltung entwickeln und die viel zu hohen Grundwasserentnahmen korrigieren. Für den Naturschutzbund schafft die Maikäferbekämpfung ein Dauerproblem und degradiert den Wald zum Dauerpatienten.

          Sentimentalitäten kann man sich nicht mehr leisten. Mögen Liedermacher das Verschwinden des Käfers beklagen und Kinder in der Grundschule Lieder über ihn singen: Die Lage des Waldes ist ernst.

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