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Magnetbahn-Unfall : 23 Menschen sterben in den Trümmern des Transrapid

  • Aktualisiert am

Aus der Vogelperspektive: Das ganze Ausmaß der Zerstörung Bild: dpa

Bei dem schweren Transrapid-Unglück im emsländischen Lathen sind 23 Menschen getötet worden. Das teilte die Polizei am Freitag abend mit. Zehn Menschen sollen die Katastrophe verletzt überlebt haben. Der Transrapid war am Vormittag auf einen Reinigungswagen geprallt.

          Die Zahl der Todesopfer bei dem schweren Unglück auf der Transrapid-Teststrecke ist bis zum Abend auf 23 gestiegen. Die Polizei nannte diese Zahl am Abend. Zehn Menschen hätten die Katastrophe verletzt überlebt, keiner der Verletzten schwebe in Lebensgefahr. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, daß „menschliches Versagen“ das Unglück ausgelöst hat.

          Insgesamt befanden sich den Angaben zufolge 29 Menschen an Bord des Transrapids, weitere Personen wurden offenbar in den Unfall verwickelt. Eine Leiche war schon am Mittag aus dem Zug geholt worden, die Bergungsarbeiten zogen sich über den gesamten Tag hinweg. Zwischenzeitliche Hinweise, 18 Menschen seien lebend geborgen worden, erwiesen sich tragischerweise als falsch. Einige der zehn Überlebenden hätten schwerwiegende Verletzungen davongetragen und seien in umliegende Krankenhäuser gebracht worden, teilten Rettungskräfte mit.

          Auf Werkstattwagen geprallt

          Der Zug der führerlosen Magnetschwebebahn war am Morgen gegen 10 Uhr bei Lathen, nördlich von Meppen in Niedersachsen gelegen, mit einer Geschwindigkeit von knapp 200 Kilometern in der Stunde auf einen Reinigungswagen der Versuchsanlage geprallt. Insgesamt seien bis zu 30 Menschen in den Unfall verwickelt, hieß es. Zahlreiche Wrackteile des zerfetzten Zuges und Kleidungsstücke der Opfer liegen entlang der Trasse der Versuchsstrecke verstreut. Das Dach der Magnetschwebebahn wurde bei dem Unfall aufgerissen. Das Unglück ereignete sich auf offener Strecke zwischen den Ortschaften Lathen und Melstrup.

          Für die Bergung der Opfer mußten Drehleitern der Feuerwehr eingesetzt werden, da die Schwebebahn auf einem Bahngestell über dem Boden verkehrt. Mehr als 150 Rettungskräfte waren im Einsatz, außerdem Feuerwehr als auch Kräne privater Firmen. Der Zug ist laut Polizei nach dem Unfall nicht von den rund vier Meter hohen Stelzen der Schwebebahn gekippt, er wurde allerdings stark beschädigt. Auf der Versuchsstrecke werden regelmäßig Fahrten für Touristen angeboten. Nach Angaben der Polizei sollen die meisten der Opfer RWE-Mitarbeiter und Angehörige von Transrapid-Mitarbeitern gewesen sein.

          Menschlicher Fehler wohl Unglücksursache

          Ob der Besucherzug für den Fahrtzeitpunkt keine Startgenehmigung hatte, oder der Werkstattwagen nicht im Einsatz hätte sein dürfen, ist noch nicht abschließend geklärt. Nach Einschätzung des Betreibers der Transrapid-Teststrecke, die Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft (IABG), ist davon auszugehen, daß menschliches Versagen letztlich zu der Katastrophe geführt hat. „Wir sind tief betroffen über diesen Vorfall und werden schnellstmöglich die genauen Hintergründe klären“, sagte IABG-Geschäftsführer Rudolf Scharz am Freitag. Ein Expertenteam des Unternehmens ist mit der Aufklärung des Unfalls vor Ort beauftragt worden. Auch die ermittelnde Staatsanwaltschaft Osnabrück ging am Abend davon aus, daß kein technisches Versagen, sondern ein menschlicher Fehler zu der Katastrophe geführt haben.

          Bundesverkehrsminister Tiefensee (SPD) brach am Freitag eine China-Reise ab, um an den Unglücksort zu reisen, und richtete einen Krisenstab ein. Er sei „tief besorgt“ und habe sofort entschieden, alle weiteren Termine in Peking abzusagen und nach Deutschland zurückzufliegen, sagte sein Sprecher Dirk Inger. Tiefensee wolle sich vor Ort im Emsland ein Bild von dem Unglück machen. Auch Bundeskanzlerin Merkel (CDU) und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) machten sich in Lathen ein Bild von der Katastrophe. Merkel sprach den Angehörigen der Opfer im Namen der Bundesregierung tiefes Beileid und Mitgefühl ausgesprochen. „Ich bin aus traurigem Anlaß hier“, betonte die Kanzlerin am Freitag abend. Sie hatte politische Gespräche abgebrochen und war an den Ort der Katastrophe geeilt.

          Kommerzielle Strecke in Shanghai

          In Schanghai verkehrt die bislang weltweit einzige kommerzielle Transrapid-Verbindung. Dort war am 11. August in einem Bahnhof ein Waggon in Brand geraten. Die Passagiere konnten unverletzt in Sicherheit gebracht werden.

          Seit 1984 fährt die Magnetschwebebahn Transrapid auf Europas längster Teststrecke im Emsland. Auf der 31,5 Kilometer langen Versuchsanlage erreicht die Schnellbahn Geschwindigkeiten bis zu 450 Stundenkilometern. Die Strecke mündet im Norden und Süden in zwei Wendeschleifen - dazwischen liegt ein 12 Kilometer langer Abschnitt, auf dem die Höchstgeschwindigkeiten erreicht werden. Die Versuchsanlage liegt zwischen den Gemeinden Dörpen und Lathen im Kreis Emsland nahe der holländischen Grenze.

          Festhalten am Transrapid

          Auch nach dem Unfall im Emsland steht die ThyssenKrupp AG voll hinter ihrem Projekt. „Ich bin nach wie vor überzeugt, daß dies eine sichere Verkehrstechnik ist“, sagte Vorstandschef Ekkhard Schulz am Freitag abend im ZDF. ThyssenKrupp gehört zum Hersteller-Konsortium des Transrapid. Auch Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber (CSU) will an dem Bau einer Transrapid-Strecke vom Hauptbahnhof bis zum Münchner Flughafen fest. Die Schlußfolgerung, das Projekt stünde vor dem Aus, „kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht ziehen“, sagte Huber. „Bei einer für den Verkehr freigegebenen Strecke schließt das Leit- und Sicherungssystem aus, daß sich ein anderes Fahrzeug im befahrenen Abschnitt befindet.“

          Auch Bundeskanzlerin Merkel sieht die Transrapid-Technologie trotz des Unglücks nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Nach jetzigem Kenntnisstand sei es eine „sichere Technologie“, sagte Merkel am Abend am Unfallort. Doch „heute Abend steht erstmal die Trauer im Vordergrund.“

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