Männliche Erzieher : Allein unter Frauen
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Hilft beim Zähneputzen: Erzieher Andreas Franke Bild:
Brauchen wir womöglich eine Männerquote? Deutschlands Kindertagesstätten sind seit jeher fest in weiblicher Hand. Männer meiden den Job, weil sie nicht als weich gelten und besser bezahlt werden wollen. Doch das Bild wandelt sich langsam.
In der „Sonnengruppe“ geht es an diesem Morgen turbulent zu. Charlotte I und Charlotte II reiten mit Spielzeugpferden um einen Plastik-Bauernhof, Frieda hat aus Versehen Maddox umgerannt, und Doreen traut sich nicht ins Zimmer. Mittendrin steht Andreas Franke, den man ohne weiteres für einen der Väter halten könnte, die ihre Kinder hier gerade abliefern, schneidet Äpfel und Bananen für die Obstpause und baut anschließend ein Buchstabenspiel auf, das er mit den Vierjährigen gleich im „Morgenkreis“ besprechen will. Zuvor aber bittet er beide Charlottes, die Pferde aufzuräumen, und Frieda, sich bei Maddox zu entschuldigen. Doreen holt er persönlich ab; sie ist neu in der Gruppe und setzt sich, noch ein wenig schüchtern, zu den anderen an den Tisch.
Andreas Franke ist Erzieher in der Dresdner Kita „Raupennest“ und seit einem halben Jahr verantwortlich für die 19 „Sonnenkinder“, 14 Mädchen und fünf Jungs. Der Fünfundvierzigjährige ist einer von 17 Mitarbeitern, die hier knapp 150 Kinder betreuen, und er ist der einzige Mann. Als er vor anderthalb Jahren in der Kita in der Dresdner Innenstadt anfing, war er der erste männliche Erzieher in der Einrichtung überhaupt - und er ist damit bis heute eine Besonderheit. Denn landesweit sind Kitas fest in der Hand von Frauen; die rund 11 500 Männer, die dort arbeiten, entsprechen einem Anteil von gerade man drei Prozent. Städte wie Flensburg und Kiel sind die Ausreißer in der Statistik, hier liegt der Anteil männlicher Erzieher bei elf Prozent, in Hamburg und Frankfurt sind es rund zehn. Auf dem Land aber kommen Männer in Kindergärten so gut wie gar nicht vor; große Teile Bayerns etwa sind in dieser Hinsicht völlig weiße Flecken.
Gut, könnte man jetzt sagen, um Kleinkinder kümmert sich schon immer die Frau. „Aber die Welt hat sich verändert“, sagt Professor Holger Brandes von der Evangelischen Hochschule Dresden, der seit Jahren die Rolle von Männern in der Erziehung erforscht. „Die traditionelle Einstellung, dass der Mann das Geld für die Familie verdient, während die Frau für Haushalt und Kinder zuständig ist, nimmt seit Anfang der neunziger Jahre kontinuierlich ab.“ Heute seien häufig beide Eltern berufstätig und teilten sich Haushalt und Erziehung. Darüber hinaus habe sich seit Einführung des Elterngeldes der Anteil der Männer, die im ersten Lebensjahr ihres Kindes zu Hause bleiben, von 1,8 auf mehr als zehn Prozent erhöht. Da sei es nur natürlich, dass es der Nachwuchs auch in Kitas mit Männern zu tun bekommt.
Tatsächlich steigt der Anteil männlicher Erzieher - langsam zwar, aber kontinuierlich. „Wir wollten sehr gern einen Mann“, sagt „Raupennest“-Leiterin Evelyn Freitag. Nicht unbedingt wegen des Fußballspielens, das müssten im Zweifel auch die Frauen können, sondern wegen der anderen Sichtweise. „Frauen können mitunter sehr perfektionistisch sein, Männer lassen auch mal los.“ Zudem fehlten in vielen Familien heute die Väter. „Gerade für Kinder zwischen zwei und sechs Jahren ist es wichtig, im Alltag Frauen und Männer zu erleben“, sagt der Psychologe Tim Rohrmann. „Sie lernen in diesem Alter sehr viel über die Geschlechter sowie über sich selbst als Mädchen und Jungen.“ Rohrmann arbeitet in der Koordinationsstelle „Männer in Kitas“ an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin, die sich das Ziel gesetzt hat, den Männeranteil in deutschen Kitas zu steigern. Im Januar startete dazu ein dreijähriges Modellprojekt in bundesweit 1300 Kindertagesstätten, das die EU mit 13 Millionen Euro fördert.