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Mädchenmord in Emden : Ermittler verteidigen Festnahme

  • -Aktualisiert am

Oberstaatsanwalt Bernard Südbeck: „Wir haben jederzeit vor Vorverurteilungen gewarnt.“ Bild: dpa

Der Emdener Mädchenmord schien so gut wie geklärt. Nun stehen die Ermittlungen wohl vor dem Neuanfang. Der zunächst Tatverdächtige ist wieder frei. Die Ermittler verteidigen sich.

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          Der 17 Jahre alte Jugendliche, der als Tatverdächtiger im Mordfall Lena verhaftet worden war, ist am Freitag aus der Haftanstalt Vechta entlassen worden. Er sei „als Täter auszuschließen“, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft in Emden in einer gemeinsamen Erklärung mit. Oberstaatsanwalt Bernard Südbeck sagte, die Indizien, die auf ihn als Täter hingewiesen hätten, seien „durch Fakten widerlegt“ worden. Unterdessen wurde am Freitag Kritik laut an Hetz- und Lynch-Aufrufen in sozialen Netzwerken und in der Emder Bevölkerung sowie an der Namensnennung in einem Nachrichtenmagazin.

          Der mit einer schwarzen Jacke bedeckte Berufsschüler bei seiner Festnahme
          Der mit einer schwarzen Jacke bedeckte Berufsschüler bei seiner Festnahme : Bild: dpa

          Die Polizei hatte „aus ermittlungstaktischen Gründen“ weder nach der Festnahme noch nach der Aufhebung des Haftbefehls mitgeteilt, welche Indizien ihn erst belastet hatten und dann entlasteten. Angeblich hatte er kein Alibi; zudem habe er sich bei den Vernehmungen in Widersprüche verstrickt. Der zu Unrecht Beschuldigte wird nun „beschützt“. Er sei „in Betreuung und in Obhut“ der Polizei. Am Mittwoch hatte die Polizei noch von dringendem Tatverdacht gesprochen, am Donnerstag dann nur noch von einem konkretisierten Verdacht.

          An die Vorschriften gehalten

          Oberstaatsanwalt Südbeck zeigte sich zuversichtlich, dass der Täter gefasst werde. Zu Spekulationen über einen neuen Tatverdächtigen oder auch eine Festnahme wollte er sich nicht äußern. Die Polizei wies am Freitag Kritik an ihrer Ermittlungsarbeit zurück. Sie habe vor Vorverurteilungen gewarnt. Südbeck wehrte sich gegen den Vorwurf, den Jugendlichen mit der öffentlichen Festnahme vorgeführt zu haben. „Wir nehmen Festnahmen so vor, dass ein Tatverdächtiger nicht fliehen kann“, sagte er. Man habe sich an die Vorschriften gehalten.

          Die Polizei geht weiterhin den mittlerweile 170 Hinweisen aus der Öffentlichkeit nach. Sie waren vor allem eingegangen, nachdem drei kurze Videosequenzen aus der Parkgarage mit dem Tatverdächtigen in einer dunklen Kapuzenjacke gezeigt worden waren. In diesem Parkhaus war die elf Jahre alte Lena, die zuvor sexuell missbraucht worden war, am Samstag unter einer Treppe vor einem Notausgang gefunden worden.

          Das ermordete Mädchen wurde am Freitag im engsten Familienkreis auf dem städtischen Friedhof in Emden beigesetzt. Polizisten schirmten den Eingang zum Friedhof ab, um der Familie einen Abschied in aller Ruhe zu ermöglichen. Dennoch fotografierten und filmten Medienvertreter die Trauernden.

          Mordfall zieht Kreise

          Der Mordfall zieht Kreise, weil immer mehr Menschen betroffen sind. Außer der Familie Lenas sind das nun auch der fälschlicherweise beschuldigte Berufschüler und dessen Familie, zudem der elf Jahre alte Nachbarjunge, der Lena an dem Mordtag auf dem Fahrrad begleitet hatte, weil sie gemeinsam Enten füttern wollten - er ist in psychotherapeutischer Behandlung.

          Ein 16 Jahre alter Schüler, der mit dem Berufsschüler verwandt ist, hat wegen der aufgeheizten Stimmung sogar Emden verlassen und sich ganz aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Ein Münchener Nachrichtenmagazin hatte - wie zuvor Autoren in sozialen Netzwerken - seinen Vornamen mit dem des zeitweise Beschuldigten verwechselt. Obwohl er auf Facebook sofort die Verwechslung aufklärte, nutzte die Online-Ausgabe des Magazins - das auch Nachbarn des Berufsschülers, vor allem jene mit jungen Töchtern, ausgiebig befragt hatte - den später wieder entfernten falschen Vornamen. So gingen denn Journalisten und Fernseh-Kameras auf die Suche nach dem Schüler, der den gleichen Nachnamen wie der Verhaftete trug.

          Kritik an sozialen Netzwerken

          Die Gewerkschaft der Polizei warnte vor Aufrufen zur Lynchjustiz im Internet. Es dürfe nicht geduldet werden, so deren Bundesvorsitzender Bernhard Witthaut, dass einige soziale Netzwerker glaubten, „in unserem Rechtsstaat Wild-West-Methoden wiederbeleben zu dürfen“. Die Freiheit im Internet dürfe nicht missbraucht werden.

          Er bezog sich damit auf falsche Anschuldigungen und Hassparolen. Ein Achtzehnjähriger hatte im Internet dazu aufgerufen, die Polizeistation in Emden zu belagern und den festgenommenen Berufsschüler zu „holen“. Das führte dazu, dass Jugendliche bis morgens um vier Uhr in Drohgebärde vor der Polizeiwache standen. Schaulustige standen zudem um das Wohnhaus des Festgenommenen, nachdem dessen Namen und Anschrift rasch im Netz verbreitet worden waren. Als der falsch Verdächtigte der Haftrichterin vorgeführt wurde, hörten Augenzeugen Rufe wie „Hängt ihn auf!“ und „Steinigt ihn!“

          Die Polizei teilte mit, sie werde die Verantwortlichen, vor allem den Anstifter, „mit aller strafrechtlichen Härte verfolgen“. Der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, Rudolf Egg, sagte, die Reaktion im Internet sei nicht akzeptabel, wohl aber erklärbar: Sexualmorde an Kindern seien das „sensibelste Thema überhaupt“.

          Die Unschuldsvermutung

          Die Unschuldsvermutung gilt als einer der wichtigsten Grundsätze des Rechtsstaats. Danach gilt jeder Beschuldigte bis zum rechtskräftigen Beweis des Gegenteils als nicht schuldig und ist dementsprechend zu behandeln. Der Staat hat sich an dieses Prinzip zu halten. Über Artikel 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention (MRK) von 1950 ist es in Deutschland unmittelbar geltendes Recht. Trotz der Unschuldsvermutung sind aber Maßnahmen zur Strafverfolgung wie vorläufige Festnahmen oder die Verhängung von Untersuchungshaft grundsätzlich zulässig. Die Unschuldsvermutung gebietet allerdings Zurückhaltung bei öffentlichen Fahndungen. Journalisten sind nach Ziffer 13 des Pressekodex zu ihrer Beachtung verpflichtet. (dpa)

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