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Lüneburg : Zum Hansetag Salz und falsche Silberlinge

  • -Aktualisiert am

Besuch aus dem Baltikum: eine Abordnung aus der Hansestadt Limbazi in Lettland. Bild: dpa

Lüneburg feiert seine einstige Größe beim diesjährigen Hansetag: 200000 Besucher und über hundert Gesandte ehemaliger Hansestädte besuchen die Stadt an der Ilmenau.

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          Zum Hansetag im Jahr 1412 kamen nach Lüneburg Sendboten aus 23 Städten, die über Kriege und Seewege, Gewichte und Preise entschieden. Lüneburg war damals eine Großstadt, deren Bürger kurz zuvor selbstbewusst ihre Herren, die Herzöge von Braunschweig und Lüneburg, vertrieben hatten. Die Stadt, mit ihrer Saline der größte Salzproduzent Europas, war mit Hamburg das Haupt der Hanse. An diese einstige Stärke erinnerten bis zum Sonntag beim ersten Hansetag seit 600 Jahren Stände in der Altstadt. Das Salz, das verkauft wurde, kam aber aus anderen Regionen, und die für einige Euro geprägten Münzen waren nicht mehr aus Silber. Die neuen Hansefeste dienen vorgeblich dem europäischen Zusammenhalt, vor allem aber der Stadtwerbung und dem Vergnügen. Das brachte 200 000 Besucher nach Lüneburg, das erst seit fünf Jahren wieder den Titel Hansestadt führen darf. Am verlängerten Wochenende sandten zudem 109 ehemalige Hansestädte ihre Vertreter - vom russischen Nowgorod bis zum niederrheinischen Wesel.

          Seit 1980 gibt es die „Neue Hanse“. Sie erinnert an den Städtebund, der mit seinem Handel vier Jahrhunderte lang Wirtschaft und Politik Nordeuropas, vor allem um die Ostsee herum, geprägt hatte. Der Hansebund der Neuzeit ist mit 176 Mitgliedsstädten aus 16 europäischen Ländern die größte freiwillige Städtegemeinschaft der Welt. Und der Bund wächst - sichtbar nicht zuletzt daran, dass die Hansetage bis zum Jahr 2040 vergeben sind. Der letzte in Deutschland fand vor vier Jahren in Salzwedel statt. Im kommenden Jahrzehnt aber sind mit Herford, Lübeck, Goslar, Rostock, Lünen, Brilon und Neuss gleich sieben deutsche Städte Ausrichter. Danzig in Polen muss bis zum Jahr 2024 warten, und Halle, das 2001 der Neuen Hanse beitrat, steht für die nächsten drei Jahrzehnte auf der Warteliste. So richtet die Stadt eigene jährliche Hansetage an der Saale aus und gründete im Mai den historischen (Nieder-)Sächsischen Hansebund. Halle folgte damit anderen regionalen Neugründungen: Der Altmärkische Hansebund etwa weist darauf hin, dass keine andere Region eine größere Konzentration an Mitgliedsstädten aufzuweisen hat als der Norden Sachsen-Anhalts.

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          Lüneburg bot sich nicht nur historisch als Gastgeber an, sondern auch städtebaulich als südlichste deutsche Stadt der Europäischen Route der Backsteingotik. In den Altstadtgassen, die wie wenige Orte die Atmosphäre des Mittelalters widerspiegeln, zeigten Handwerker ihre Kunst in den alten Trachten und mit den Techniken jener Jahre ohne Strom und Gas: Kerzenzieher, Schmiede, Glasbläser, Gewandmacher. Der Kran am Stint, dem alten Stadthafen, wurde wiederbelebt: Vier Frauen und Männer liefen im Inneren von zwei großen Holzrädern, um so einen schweren Stein von dem Ewer, einem flachen Holzkahn, zu löschen und an Land zu bringen.

          Die Bevölkerung wächst, die Besucherzahlen auch

          Lüneburgs Bevölkerung wächst dank seiner Universität und der Nähe zu Hamburg, die Zahl der Tagesgäste, sieben Millionen jährlich, ebenso nicht zuletzt dank der in der Altstadt gedrehten Fernsehserie „Rote Rosen“. In der westlichen Altstadt am Ende der Handwerkerstraße ist indes die Kehrseite des einstigen Wohlstands zu sehen: Hier fällt das Gelände ab. Das seit Jahrhunderten erhaltene Ensemble, ein architektonisches Kleinod, wurde zum Senkungsgebiet vermutlich wegen der 1980 geschlossenen Saline. Damals waren täglich 250 Kubikmeter salzhaltiges Wasser in die Siedepfannen gepumpt worden. So mussten nahezu 200 baufällige Gebäude, darunter zwei Kirchen, abgerissen werden - das Grundwasser spült den Salzstock aus.

          Davon dürften indes die meisten Besucher, die auf einem der acht Bühnen in der Altstadt Klaus Doldinger oder dem Jazzquintett aus der estnischen Universitätsstadt Tartu zuhörten oder ein erhaltenes Exemplar des Sachsenspiegels in der Stadtbibliothek anschauten, wenig gespürt haben. Besucher aus Stykkishólmur und Groningen staunten wohl eher darüber, dass Lüneburg die einzige Stadt Norddeutschlands ist, deren Stadtkern im Zweiten Weltkrieg unzerstört blieb und deren seit den siebziger Jahren vorgenommenen Sanierungsarbeiten an den mehr als 1300 Baudenkmälern allerorten Deckengemälde, Töpferstuben und Sickergruben des Mittelalters aufdeckten.

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