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Sprachkritik : „Lügenpresse“ ist Unwort des Jahres

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„Lügenpresse“ ist das Unwort des Jahres 2014 - hier zu sehen am 8.12.2015 in Dresden. Bild: epd

Bereits im Ersten Weltkrieg war es ein propagandistischer Kampfbegriff, heute schreiben ihn die Pegida-Demonstranten auf Transparente: Eine Jury von Sprachwissenschaftlern hat „Lügenpresse“ zum Unwort des Jahres 2014 gewählt. Zur Auswahl standen auch „Social Freezing“ oder „Putin-Versteher“.

          „Lügenpresse“ ist das „Unwort des Jahres 2014“. Das teilte die „Unwort“-Jury unter dem Vorsitz der Sprachwissenschaftlerin Nina Janich am Dienstag in Darmstadt mit. Das Schlagwort „war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff und diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien“, hieß es zur Begründung. „Mit dem Ausdruck „Lügenpresse“ werden Medien pauschal diffamiert“, sagte Janisch. „Eine solche pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit.“

          Mit Blick auf die anti-islamische Pegida-Bewegung legte die Jury dar: Gerade die Tatsache, dass die sprachgeschichtliche Aufladung des Wortes „Lügenpresse“ einem Großteil derjenigen, die ihn seit dem vergangenen Jahr skandierten und auf Transparenten trügen, wohl nicht bewusst sei, mache ihn zu einem besonders perfiden Mittel jener, die ihn gezielt einsetzten.

          Neben dem Ausdruck „Lügenpresse“ rügte die Jury auch die Begriffe „Erweiterte Verhörmethoden“ und „Russland-Versteher“. Der Ausdruck „Erweiterte Verhörmethoden“ sei ein Euphemismus, der unmenschliches Handeln, nämlich Folter, legitimieren solle. Er habe sich im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den CIA-Bericht 2014 zu einem dramatisch verharmlosenden Terminus Technicus entwickelt. Zum Begriff „Russland-Versteher“ führte die Jury aus, dieser in der außenpolitischen Debatte verwendete Begriff werde vor allem deshalb zum Unwort, weil er das positive Wort „verstehen“ diffamierend verwende.

          Die Jury bestimmte das Unwort in diesem Jahr zum 24. Mal. Nach ihrer Darstellung geht es um sprachliche Missgriffe in der öffentlichen Kommunikation, die besonders negativ aufgefallen seien, weil sie sachlich grob unangemessen seien und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzten. Für 2013 hatte die Jury den Ausdruck „Sozialtourismus“ zum Unwort des Jahres bestimmt. Das erste von ihr bestimmte Unwort war für 1991 „ausländerfrei“.

          Diesmal waren bei der Jury nach deren Angaben 1.246 Einsendungen mit 733 verschiedenen Vorschlägen eingegangen. Am häufigsten vorgeschlagen wurde der Begriff „Putin-Versteher“. Es folgten „Pegida“ und „Social Freezing“ – ein Begriff für das Einfrieren von Eizellen, womit Frauen ihren Kinderwunsch auf unbestimmte Zeit verschieben können.

          Neben der unabhängigen, sprachkritischen Jury mit ihrer Sprecherin in Darmstadt wählt davon getrennt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden das „Wort des Jahres“. Für 2014 wurde im Dezember die Bezeichnung „Lichtgrenze“ bekanntgegeben. Der Name stand für ein Kunstwerk in Berlin anlässlich des Festakts im vergangenen November zum 25. Jahrestag des Mauerfalls. Knapp 7000 weiße Ballons stiegen in den Himmel. Sie hatten den Verlauf der deutschen Teilung als Lichtgrenze nachgezeichnet.

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