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Loveparade : Wer beschuldigt wen?

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Profilierungssucht und Profitgier? Die Suche nach den Verantwortlichen für die Katastrophe in Duisburg geht weiter. Bild: dpa

Wer hat versagt? Wer trägt die Verantwortung? Nach der Massenpanik mit 20 Toten bei der Duisburger Loveparade gehen die Schuldvorwürfe zwischen den Beteiligten hin und her. Eine Dokumentation der wichtigsten Akteure und deren Aussagen.

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          Nach der Loveparade-Katastrophe mit 20 Toten überziehen sich die Beteiligten gegenseitig mit Schuldvorwürfen. Wurde das Mega-Event aus Profilierungssucht oder Profitgier nach Duisburg geholt? Wurden Warnungen in den Wind geschlagen? Wer hat versagt? Noch übernahm niemand Verantwortung für das Desaster. Eine Dokumentation der wichtigsten Akteure, deren Kernaussagen sowie die Vorwürfe, die nach der Tragödie erhoben werden:

          Rainer Schaller (Loveparade-Chef): Schaller gibt der Polizei eine Mitschuld. Nach seinen Angaben ließ die Einsatzleitung alle Schleusen öffnen, wodurch der Besucherstrom unkontrolliert in den Tunnel gelangen konnte. Schaller wird vorgeworfen, aus Profitgier die Sicherheit vernachlässigt zu haben. Schaller dementiert - sämtliche Auflagen des Konzepts seien erfüllt worden. Alle Behörden hätten grünes Licht für das Konzept mit nur einem Ein- und Ausgang gegeben.

          Adolf Sauerland (Duisburgs CDU-Oberbürgermeister): Sauerland lehnt trotz immensen öffentlichen Drucks einen Rücktritt ab. Angeblich will er von Warnungen vor der Loveparade nichts gewusst haben. Er hatte das Sicherheitskonzept verteidigt und das Unglück auf „individuelle Schwächen“ zurückgeführt. Sauerland soll die ordnungsbehördliche Erlaubnis erst am Morgen des Unglückstags erteilt haben. Noch am Vortag soll in verschiedenen Sitzungen über das Sicherheitskonzept debattiert worden sein, Duisburger Berufsfeuerwehr und Polizisten sollen gewarnt haben.

          Stadt Duisburg: „Wenn sich die Stadt etwas vorzuwerfen hat, dann werden wir Verantwortung übernehmen“, sagte OB Sauerland. Zu den Vorgängen im Rathaus schweigt die Stadtspitze. Die Stadt dementiert nicht, dass die Duisburger Bauaufsicht nur wenige Tage vor der Loveparade die Sicherheitsauflagen zu den Fluchtwegen gelockert haben soll. Das Sicherheitskonzept von Polizei und Feuerwehr soll als zu personalaufwendig verworfen worden sein. Bereits im März soll sich die frühere Leiterin des Duisburger Bauordnungsamtes geweigert haben, die Genehmigung für das Riesenfest zu unterschreiben. Danach sei sie versetzt worden, erzählen Insider.

          Polizei Duisburg: Die Polizei soll bereits früh Bedenken am Sicherheitskonzept geäußert haben, sei damit aber nach unbestätigten Berichten auf politischen Widerstand gestoßen. Vor allem der mittlerweile in Ruhestand befindliche Polizeipräsident Rolf Cebin soll Ärger auf sich gezogen haben. Die Polizei soll noch in den Tagen vor der Loveparade das Festgelände begangen und dabei das Areal des alten Güterbahnhofs als zu klein bezeichnet haben.

          Berufsfeuerwehr Duisburg: In einem internen Vermerk der Feuerwehr an Verantwortliche der Stadt soll die Feuerwehr bereits im Oktober 2009 klargestellt haben, dass es zu gefährlich sei, die Besucher des Spektakels durch die Tunnel zu schicken.

          Detlef von Schmeling (Duisburger Polizeichef): Von Schmeling sagt, dass die Polizei vor dem Unglück eine zweite Zugangsrampe geöffnet habe, damit der Druck auf den ersten Zugang nachlassen könne. Der Zugang zum Party-Gelände sei zu keinem Zeitpunkt gesperrt gewesen.

          Rainer Wendt (Bundesvorsitzender Deutsche Polizeigewerkschaft): Wendt sieht seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. „Ich habe vor einem Jahr Duisburg als ungeeignet für die Loveparade abgelehnt und bin dafür als Spaßverderber und Sicherheitsfanatiker beschimpft worden.“ Die Verantwortlichen seien besessen von der Idee gewesen, etwas für das gebeutelte Duisburg zu tun.

          Wolfgang Orscheschek (Vize-Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft): Orscheschek erhob schwere Vorwürfe: Tote und Verletzte seien Opfer „materieller Interessen“ eines Veranstalters, der die Feiern zur Kulturhauptstadt 2010 als Deckmäntelchen genutzt habe.

          Fritz Pleitgen (Chef des Kulturhauptstadt-Projekts „Ruhr.2010“). Laut Pleitgen haben die Macher der Kulturhauptstadt „Ruhr.2010“ keinen Druck auf die Stadt Duisburg ausgeübt, die Loveparade unbedingt zu veranstalten. Zwar habe er die Technoparade als „wünschenswert für die Metropole Ruhr“ bezeichnet, jedoch keinen Zwang ausgeübt. Sicherheitsbedenken seien ihm „nie zu Ohren“ gekommen. „Wäre das der Fall gewesen, hätte ich sofort gesagt: Lasst es!“

          Marek Lieberberg (Deutschlands führender Konzertveranstalter): Lieberberg machte Profilierungssucht der Stadt Duisburg und eine amateurhafte Organisation für die Katastrophe verantwortlich. Das „war keine höhere Gewalt wie ein Treppeneinsturz oder ein Unwetter, sondern das Ergebnis eines verhängnisvollen Zusammenwirkens von völlig überforderten Behörden und inkompetenten Organisatoren, die weder mit derartigen Großveranstaltungen vertraut noch in der Lage waren, auf Notsituationen zu reagieren“. Aus Sicht Lieberbergs war das Konzept eines einzigen Ein- und Ausgangs „eine Todesfalle“.

          Thomas Wenner (früherer Bochumer Polizeipräsident): Wenner erstattete Anzeige gegen Duisburgs OB Sauerland und andere führende Beamte der Stadt. Als noch amtierender Polizeipräsident hatte Wenner 2009 die für Bochum geplante Loveparade abgesagt. Eine solche Veranstaltung sei in Duisburg nie realisierbar gewesen, sagte Wenner.

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