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Loveparade-Katastrophe : Und dann sehe ich auf einmal Eike vor mir

Tod im Tunnel: Eike Mogendorf war 21, Student und hatte Lust am Leben Bild: Christian Burkert

Eike Mogendorf feierte gerne. Vor einem Jahr fuhr er mit Freunden nach Duisburg zur Loveparade. Seine Eltern warteten vergeblich darauf, dass er wieder nach Hause kommt.

          Klaus-Peter Mogendorf war nie der Typ, der sich schnell Sorgen macht. Er war immer derjenige in der Familie, der sagte: „Ach, das wird schon!“ Aber am frühen Abend des 24. Juli vor einem Jahr gibt es nichts abzuwiegeln, da ist sich Mogendorf sicher. Eben hat seine Schwiegermutter ihn und seine Frau Stefanie nach oben gerufen. Die alte Dame ist 91 und bei wachem Verstand. Im Fernsehen heißt es, in Duisburg sei es zu einer Massenpanik gekommen. Die Schwiegermutter fragt: Ist Eike nicht zu dieser Love Parade gefahren?

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Eike ist 21. Nach seinem Zivildienst in einem Altenheim hat er in Osnabrück angefangen, Politik und Geschichte zu studieren. Was er genau vorhat, weiß er noch nicht. Vielleicht Journalist werden. Aber Eike ist erst im zweiten Semester. Erst einmal will er das Jetzt genießen. Er feiert leidenschaftlich, macht gerne Party, wie man sagt. Auch liebt er es, mit Freunden Fußball zu spielen oder Doppelkopf. Manchmal treffen sie sich zum Kochen. Am 23. Juli fragen ihn seine Kumpel in der Schlange vor der Diskothek „Alando“ in Osnabrück, ob er nicht Lust habe, zur Love Parade mitzukommen. Eike sagte gleich ja. Er ist ein spontaner Typ. Seine Mutter Stefanie mag das besonders an ihm. Als Stefanie und Klaus-Peter Mogendorf einmal Freunde und Nachbarn zu Gast hatten, kam Eike spät nach Hause. „Lass uns tanzen“, sagte er, legte eine seiner CDs ein und schob die Tische zur Seite, um Platz zu schaffen. Der Vater erinnert sich gerne daran.

          Seine Mutter versucht sich einzureden, mit Eike sei schon nichts

          Für Stefanie Mogendorf ist Eikes Lebensfreude ein ganz besonders Geschenk. Sie empfindet eine tiefe mütterliche Erleichterung. Denn Eike hing an ihrem Rockzipfel, bis er 16 oder 17 Jahre alt war. Sie glaubt, dass das mit dem schweren Autounfall zusammenhängt, den ihr Mann Anfang der neunziger Jahre hatte. Eike war gerade zwei Jahre alt. Ihr Mann lag im Koma. Er hatte sich schwer am Kopf verletzt. Die Ungewissheit, ob er gesund wieder aufwachen würde, währte lange. Die Familie nahm den Unfall immer als ein Zeichen dafür, dass man das Leben bewusst leben soll. Klaus-Peter Mogendorf hat für seine Genesung, seine Frau und seine beiden Söhne Christian und Eike stets eine tiefe Dankbarkeit empfunden. Alles ist in Ordnung, alles ist toll, sagte er sich oft. Er sitzt neben seiner Frau am Küchentisch. „Nur wenn einem aus meiner Familie etwas passiert, dann habe ich ein Problem“, sagt er. „Und das habe ich. Das habe ich jetzt.“

          Ihr Sohn kam nicht zurück: Stefanie und Klaus-Peter Mogendorf in ihrem Haus in Behn im Landkreis Osnabrück

          Um kurz vor 19 Uhr am 24. Juli 2010 schreibt Stefanie Mogendorf ihrem Sohn eine erste SMS. Zigmal hat sie davor vergeblich versucht, ihn telefonisch zu erreichen. Aus dem Fernsehen weiß sie mittlerweile, dass das Mobilfunknetz auf dem Gelände des ehemaligen Duisburger Güterbahnhofs zusammengebrochen ist, weil viel zu viele Love-Parade-Besucher auf einmal ihr Handy benutzen. Die ganze Zeit läuft bei der Großmutter das Fernsehgerät. Deshalb wissen die Mogendorfs, was man wissen kann. Und wissen doch nichts. Stefanie Mogendorf versucht sich einzureden, mit Eike sei schon nichts. Es sei gewiss wie sonst, wenn Eike bis spät in der Nacht unterwegs ist und sie am Ende doch wieder seinen Schlüssel in der Haustür hört. Es sind ja so viele Leute dort in Duisburg, warum soll Eike mit seinen sechs Freunden ausgerechnet an der Stelle sein, wo es passiert ist? Als Christian, ihr älterer Sohn, vorbeikommt, sagt auch er: „Die sind doch schon heute morgen losgefahren, die sind doch längst auf dem Gelände und feiern.“

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