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London : Wo im Beete die Knete blüht

Ausgezeichnet: Der ambitionierte Gärtner Prinz Charles bekam die „Victoria Medal of Honour” Bild: REUTERS

Die „Chelsea Flower Show“ ist eröffnet. Das blumenfrohe Publikum erfreut sich nicht nur an naturnahen Gärtnern. Königin Elisabeth verlieh als Schirmherrin die höchste Auszeichnung der Veranstaltung - an ihren Sohn.

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          Die Blumen blühen dünner in der Krise, es wachsen auch wildere Pflanzen, und neue Wesen bevölkern die Gartenwelt an der Themse. In dem Blütenreich im Süden des Stadtteils Chelsea, in dem sich jedes Jahr Ende Mai der englische Frühling mit der Londoner Society kreuzt, ist zum ersten Mal seit 20 Jahren ein Gartenzwerg entdeckt worden. Das Kerlchen stand, mit Gießkanne bewaffnet und mit unschuldigem Blick, neben den Hornveilchen in der Schauanlage von Jekka McVicar. Mrs. McVicar, eine Institution im Machtgefüge der „Royal Horticultural Society“, wusste genau, dass die Erscheinung ihres kleinen Freundes gegen den strikten Kodex der königlichen Gartenbaugesellschaft verstieß, die weder Zwerge noch anderen Kitsch in ihren Schaugärten und Blütenarrangements der „Chelsea Flower Show“ dulden will. Doch die hochdekorierte Schaugärtnerin stach dennoch der Hafer, und so nahm sie den zipfelmützigen „Borage“ – was auf Deutsch Borretsch bedeutet – kurzerhand aus ihrem Büro auf die Ausstellung mit.

          Johannes Leithäuser
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Es wurde ein symptomatischer Gag: Denn die Gartenentwürfe und die Blumenzüchtungen, die Jahr für Jahr auf dem Gelände des Armee-Invalidenhauses in Chelsea für fünf Tage aufgebaut werden, folgen in diesem Mai anderen Grundsätzen. Es sind nicht länger die exotischsten Orchideenkreuzungen, der allerblauestblühende Themengarten, der auf blitzenden Chromblechen herabgleitende Wasservorhang, die Hunderttausende Gartenliebhaber zum Staunen bringen – ein Vorgang übrigens, der sich auch nach strengen Kastenregeln der Horticultural Society vollzieht: Zuerst darf die Königin samt Thronfolger und sonstiger Familie auf einem exklusiven Rundgang die Neuigkeiten sichten, dann kommen die Gäste einer splendiden Abendgala, dann alle Mitglieder der Gartenbaugesellschaft, und schließlich, an den beiden letzten Tagen, wird für das allgemeine Publikum geöffnet.

          Die Sonnenblume als Feigenblatt

          Statt auf filigran gezüchtete Pracht blickten die exklusiven Ersttagsbesucher in diesem Jahr auf Wildblumenwiesen, Kräuterbeete, Obstgärten. Das größte Aufsehen erregte die Gartengestalterin Sarah Eberle mit drei Variationen eines „Kredit-Krisen-Gartens“. Sie präsentierte drei kleine Reihenhaus-Vorgärten: im ersten, dem „Banker-Garten“, bildeten aneinandergeschweißte Prozentzeichen den schmiedeeisernen Gartenzaun; im zweiten, dem „Offshore-Garten“, schwamm eine Spielzeugyacht im ausgeschachteten Vorgartenbassin, dessen Wasserstand durch eine versteckte Tidenpumpe variiert wurde (die Trittsteine zwischen Gehweg und Haustür waren nur bei Ebbe trockenen Fußes benutzbar); den dritten Garten nannte die Designerin, die ihren deutsch klingenden Nachnamen mährischen Vorfahren verdankt, „Garten eines Künstlers mit überzogenem Konto“. Kein Zweifel, dort, zwischen Akelei, Birke und einem alten Nähmaschinengestell, war Mrs Eberle selbst zu Hause.

          Tabubruch durch Gartenzwerg: die „Chelsea Flower Show”
          Tabubruch durch Gartenzwerg: die „Chelsea Flower Show” : Bild: Getty Images

          Die Schauspielerin Helen Mirren, die mit ihrer Entourage am Eröffnungsmorgen über das Gelände bummelte, fand den Bankiersgarten am lustigsten: „So was würde sich meine Schwester wünschen.“ Dame Helen hatte eine Verabredung auf der Blumenschau, wie die meisten anderen Schauspielerkollegen, Fernsehmoderatoren, Popmusiker auch, deren Gesichter unvermittelt zwischen den Schaublumen erschienen. Die Actrice Mirren warb in Chelsea mit Sonnenblumen-Symbolen für die Bühnenfassung von „Calendar Girls“ – jener Geschichte, in der ein Dutzend Ladys vom Lande Wohltätigkeitsgelder sammeln, indem sie sich als reifere Pin-ups für einen Jahreskalender fotografieren lassen. Der Sonnenblume kommt dabei eine gewisse Feigenblattfunktion zu.

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