https://www.faz.net/-gum-7qe16

Liebesschlösser in Paris : Aus Last und Liebe

Wo die Liebe hinschließt: Die Brücken von Paris ächzen unter metallenen Schwüren Bild: Fricke, Helmut

Die Pariser Brücken ächzen unter dem Gewicht der Liebesschlösser, etwa 700.000 sollen es insgesamt schon sein. Bürgermeisterin Anne Hidalgo will sie aber nicht gänzlich verbannen – schließlich muss sie den Ruf als Stadt der Liebe verteidigen.

          3 Min.

          Die Königin fuhr doch lieber im Bentley. Anne Hidalgo nahm das mit Erleichterung zur Kenntnis. Sonst hätte die Bürgermeisterin von Paris womöglich noch mit Elisabeth II. über den „Pont des Arts“ spazieren müssen.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Dem neuen Stadtoberhaupt der französischen Hauptstadt bereitet die berühmte Brücke Kummer. Das Wahrzeichen der „Stadt der Liebe“ droht unter der Last der Vorhängeschlösser Schaden zu nehmen, die Tausende Paare an die Gitter der Brücke gehängt haben. Zum Besuch der britischen Königin gab ein Teil des Geländers der Pont des Arts nach und brach unter dem Gewicht der „Liebesschlösser“ zusammen. „Schluss mit der unsinnigen Sitte“, appellierten in den Medien Architekten, Publizisten und zwei Amerikanerinnen, die einen Internetappell lancierten. Anne Hidalgo, so, schrieb der Pariser Architekt Jérôme-Olivier Delb, müsse jetzt endlich handeln und alle Schlösser von den Pariser Brücken entfernen lassen.

          Denn nicht nur der Pont des Arts, der als Flaniermeile für Verliebte von Georges Brassens („Le Vent“), Serge Gainsbourg („L’assassinat de Franz Lehar“) oder Vanessa Paradis („La Seine“) besungen wurde, ächzt unter der Last der Schlösser. Auch am Pont Neuf, am Pont Henri IV, an den Passerelles Léopold-Senghor und Simone de Beauvoir sowie am Pont de l’Archevêché haben Paare Schlösser angebracht und die Schlüssel in die Seine geworfen – auf dass ihre Liebe ewig halte. Etwa 700000 Vorhängeschlösser zieren die Pariser Brücken.

          Ruf als Stadt der Liebe ist Anne Hidalgo einiges wert

          Die Bürgermeisterin aber, die mit dem Slogan „Paris wagen“ die Wahl im März gewonnen hatte, ziert sich. Denn schließlich geht es um einen wichtigen Wettbewerbsvorteil, den Paris nicht missen möchte: Der Ruf als Stadt der Liebe ist Anne Hidalgo einiges wert, vielleicht sogar ein paar zerstörte Brückengeländer. Denn im Wettstreit vor allem mit London sieht es nicht gut aus für die französische Hauptstadt. Die Heimat Königin Elisabeths zieht inzwischen viel mehr Touristen an als Paris und macht der Stadt den Titel der „meistbesuchten Stadt der Welt“ streitig. Anne Hidalgo hat deshalb dem Touristenamt erlaubt, bei der Berechnung der Besucherzahlen die Stadtgrenzen zu vergessen und kurzerhand die umliegenden Gemeinden von Paris „eingemeindet“. Dort sind die Hotels meist erheblich günstiger und locken viele Besucher an – die sich jetzt in der Gesamtstatistik wiederfinden.

          Gerade weil alle Mittel recht sind, sich im Kampf um die meisten Touristen zu behaupten, wagt sich die sozialistische Bürgermeisterin nur ausgesprochen ungern an das leidige Thema der „cadenas d’amour“, wie die Liebesschlösser heißen. Das Ritual der auf einer Brücke auf immer unter Verschluss stehenden Liebe gehört zum romantischen Paris-Bild, auch wenn es die freiheitsliebenden Hauptstadtbewohner stört.

          Die Amerikanerinnen Lisa Anselmo und Lisa Taylor Huff haben auf Anhieb 7000 Unterschriften für ihren im Internet verbreiteten Appell „No lovelocks“ erhalten. „Liebe kann keine Ausrede sein, Paris zu verschandeln“, argumentierte Anselmo. In Paris habe Liebe mit Freiheit zu tun, die Schlösser seien deshalb bizarr.

          Ein Buch trug zur Verbreitung der Liebesschlösser bei

          Niemand weiß genau, wie der Brauch entstand. Sicher ist, dass der italienische Bestseller „Ho Voglia di te“ („Ich steh’ auf Dich“) zur Verbreitung der Liebesschlösser beitrug. Die Buchhändler („bouquinistes“) am Seine-Ufer, die es früher als Frevel angesehen hätten, etwas anderes als alte Bücher und Zeitschriften feilzubieten, haben sich umgestellt. Sie machen inzwischen mehr Umsatz mit dem Verkauf der kleinen Vorhängeschlösser als mit alten Schriften. „Die Schlösser sind wie eine biblische Plage auf die Brücken und die historischen Orte von Paris herabgekommen“, heißt es in dem Aufruf der beiden Amerikanerinnen. „Das Herz von Paris wird regelrecht verunstaltet.“

          Aber Durchgreifen wie die Bürgermeister von Florenz und Rom mag Anne Hidalgo nicht. Über Geldstrafen oder gar ein Generalverbot der Schlösser will sie nicht reden. Sie versprach aber, eine Kommission einzusetzen, die darüber beraten solle. Dabei müsste sie eigentlich wissen, dass Abwarten keine Lösung ist. Zwischen 1981 und 1984 hatte der Pont des Arts nach Originalplänen ganz neu gebaut werden müssen, denn lange war das durch Bombardierungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg und Schiffszusammenstöße beschädigte Bauwerk dem Verfall überlassen worden – bis es im Jahr 1979 auf 60 Metern zusammenbrach.

          Weitere Themen

          Blitze unter Helenes Haut

          Herzblatt-Geschichten : Blitze unter Helenes Haut

          Es geht wild her bei den Stars: Tom Cruise ist in ein Wespennest gefallen, Roberto Blanco will Beethovens Grab öffnen und Helene Fischer spricht über ihr Leben. Die Herzblatt-Geschichten.

          Topmeldungen

          Was wird wohl eher ankommen, das Internet oder die Schnecke?

          Investitionsstau : Glasfaser im Schneckentempo

          In Berlin werden gerade Milliarden für Zukunftsinvestitionen gesucht. Dabei zeigt die lange Geschichte des Breitbandausbaus: Geld allein ist keine Lösung. Die wahren Probleme liegen woanders.
          Nichts geht mehr: Schiffsstau vor der Küste und Containerstau im Hafen von Long Beach in Kalifornien

          Chaos in den Lieferketten : Auf See liegen die Nerven blank

          Vor Los Angeles und Long Beach warten rund einhundert Frachter auf ihre Abfertigung - ein neuer Rekord. Die globalen Lieferketten kommen an immer mehr Stellen an ihre Kapazitätsgrenze.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.