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Liebe : Mein Herz für Deine SMS

  • -Aktualisiert am

Telefonieren ist out: Messenger-Tools wie WhatsApp erfreuen sich zunehmender Beliebtheit Bild: dpa

Wer heute unter dreißig ist, der flirtet nicht mehr an der Bar, sondern bei Messaging-Diensten. Das nimmt die Angst vor dem ersten Kontakt, schafft aber in der Liebe ganz neue Probleme.

          7 Min.

          Vanessa war dieser Kollege gleich in der ersten Woche aufgefallen. Groß, charmant, immer ein nettes Lächeln, und wenn Vanessa hinter ihm zum Fahrstuhl schlenderte, hielt er nur für sie die Tür auf. Mehr als ein „Hallo“ aber schafften die beiden nicht.

          Das Büro, in dem Vanessa und Tobias arbeiten, ist modern. Statt Massenmails gibt es ein internes Chatprogramm, das soll effizienter sein, für Vanessa und Tobias war es das auch. Nur nicht unbedingt für die Arbeit. Vanessa kann sich noch gut an diesen einen Tag erinnern, als Tobias in ihrem Messenger-Fenster aufblinkte. Er wollte etwas wegen der Arbeit klären, aber statt ein Stockwerk zu ihr herunterzulaufen oder zumindest zum Telefon zu greifen, tippte er seine Frage in das Programm. Vanessa antwortete. Erst auf die berufliche Frage, dann auf die nach dem Wetter, sie schrieben weiter, über das Kantinenessen und Kinofilme, den ganzen Nachmittag.

          Wer unter dreißig ist, der schreibt

          Als Vanessa abends nach Hause ging und auf ihrem Smartphone die Facebook-App öffnete, stand da: „Tobias möchte mit dir befreundet sein.“ Sie schrieben weiter, bis das Display vor Vanessas müden Augen verschwamm.

          Wer unter dreißig ist, der schreibt. Diese Generation ruft nicht mehr an, sie tippt ihre Gedanken und Gefühle in die Eingabefenster von Facebook, den SMS-Ersatz WhatsApp und Apples Gegenentwurf iMessage. Mehr als 450000 SMS kommen an jedem einzelnen Tag dieses Jahres auf deutschen Handys an. Wie viele davon zur Kategorie von Vanessas und Tobias Nachrichten gehören, weiß die Statistik nicht. Tausende? Zehntausende?

          Vor gut fünf Jahren wurde es salonfähig, seinen Partner im Internet zu suchen. Zu Hunderttausenden klicken sich Singles heute über Seiten, die „Friendscout“ oder „Elitepartner“ heißen und den erfolgreichen, charmanten, kinderlieben, rundum perfekten Partner versprechen. Menschen wie Vanessa machen das nicht. Sie finden die Männer durchaus offline, in der Vorlesung oder im Büro nebenan, die Auswahl ist ja da. Statt aber hinüberzugehen, zu lächeln und nach einem Feierabendbier zu fragen, schicken sie eine Nachricht.

          Flirten mit dem Smartphone

          Vanessa ist mit SMS aufgewachsen. Sie gehört zu einer Generation, die von anderen gern als „digital natives“ bezeichnet wird und sich selbst fragt, wie man früher ohne Handy leben konnte. Irgendwann als Teenager bekam sie ihr erstes, seither schreibt sie SMS. Jetzt, mit Ende zwanzig, hat sie ein Smartphone, die Uni-Partys hinter und die Karriere vor sich. Diese Generation flirtet, wie alle Generationen vor ihr flirten mussten, um Liebe zu finden. Aber sie flirtet nicht mehr in der Kantine oder auf der Tanzfläche, sondern vor allem mit ihrem Smartphone.

          Auch Nico gehört zu dieser Generation. Der 31 Jahre alte Politiker möchte sein Privatleben eigentlich lieber für sich behalten und heißt daher wie auch Vanessa und Tobias eigentlich anders. In seinem Berufsleben ist er viel unterwegs. Termine hier, Repräsentieren dort. Bei einer langweiligen Präsentation, von denen es in seinem Job viele gibt, stand auf einmal sie im Raum. Mitte zwanzig, zierlich, blonde, schulterlange Haare. Er hätte sie noch an dem Nachmittag ansprechen können, einfach so, über die Arbeit hätte sich schon ein Gesprächsthema gefunden. Aber Nico schwieg – und schrieb. Allerdings erst ein paar Tage später, als er sie auf Facebook wiederfand. Theresa hatte dort einen Eintrag kommentiert, und Nico klickte auf „Als Freundin hinzufügen“. Bald schrieben auch sie einander bis in die Nacht hinein.

          Darüber, wie sich die Kommunikation verändert, forscht die amerikanische Soziologin Sherry Turkle bereits seit den neunziger Jahren. Sie weiß: Die Jugend ist heute permanent und ausschließlich am Schreiben. Von den öffentlichen Chaträumen um die Jahrtausendwende hat sich die Kommunikation heute ins Private verlagert. Wir sind nicht mehr überwältigt von den Weiten des Internets, schreiben nicht mehr jeden Fremden an, der uns dort über den Weg läuft. Vor allem schreiben wir uns jetzt mit Menschen, die wir kennen.

          Angst vor dem ersten Kontakt überwinden

          Der Vorteil dabei: Beim Chatten fühle man sich in einem sicheren Abstand zum Gesprächspartner, schreibt Turkle in ihrem Buch „Verloren unter 100 Freunden“. Der Hamburger Psychiater Wolfgang Paetzold sieht im Geschreibe vor allem die Chance, die Angst vor dem ersten Kontakt zu überwinden. Wem plötzlich kein lockerer Spruch mehr einfällt, wenn er dem Angebeteten gegenübersteht, kann ihn ausgefeilt ins Messenger-Fenster tippen. „Früher gab es diese technischen Mittel nicht, aber jetzt können Schüchterne eine Nachricht schreiben und haben erst einmal nichts zu befürchten. Zumindest keine unmittelbare Reaktion“, sagt Paetzold.

          Auch Nico fiel das Schreiben leicht. Wenn er tippte, erzählte er mehr von sich als sonst. Und er fragte mehr. „Wenn man sich trifft, dann spricht man mehr darüber, was gerade um einen herum passiert, als dass man wirklich etwas über den anderen erfährt“, erzählt Nico. Mit den Nachrichten gehe das viel schneller. Und direkter. So wusste Nico schon nach ein paar Tagen mehr von Theresas Leben, als er in der gleichen Zeit bei Dates erfahren hätte. Da ist er sich sicher. Irgendwann fragte Nico nach Theresas Handynummer, das war der nächste Schritt. Nicht, um einfach anzurufen. Sie wechselten nur die Plattform. Bei WhatsApp sind die Nachrichten gefühlt exklusiver, intimer. Schließlich lässt sich der Kontakt nicht über eine simple Suchanfrage finden; man braucht die Telefonnummer, man muss nach ihr gefragt haben.

          Vanessa und Tobias waren irgendwann ebenfalls bei WhatsApp angelangt. Ihr fiel das Schreiben leichter, weil sie nachdenken konnte. Statt spontan eine witzige Antwort parat zu haben, wenn sie mit Tobias im Fahrstuhl stand, formulierte sie um, löschte, tippte neu. Sie hatte alle Zeit, sich den perfekten Text zu überlegen. Den, mit dem sie einen Hauch draufgängerischer wirkt, als sie eigentlich ist.

          „Online zeigen wir nur Facetten von uns, nie das ganze Selbst“

          „Am Bildschirm hat man die Möglichkeit, sich selbst so darzustellen, wie man gern sein möchte, und sich andere so vorzustellen, wie man sie gern hätte“, schreibt Turkle. Die Amerikanerin hält das für eine zweifelhafte bis gefährliche Entwicklung. Eine der wenigen, die sich dem Thema in Deutschland wissenschaftlich angenommen haben, ist Dagmar Hoffmann. Die Professorin der Universität Siegen untersucht Kommunikationsformen und meint: „Online zeigen wir nur Facetten von uns, nie das ganze Selbst.“ Da steht dann nicht jeder Film, den man eigentlich mag, unter „Gesehen“ im Facebook-Profil. Sich mit Ende zwanzig als Rosamunde-Pilcher-Fan zu outen, kommt schließlich nicht bei jedem gut an. Beim Flirten funktioniere es ähnlich.

          Doch kann man sich überhaupt verlieben, in diese Nachrichten? Die Texanerin Elizabeth Wisdom würde sicher antworten mit: Natürlich! Ihre Geschichte fing an mit einem Foto von einem See in Oregon, das die Amerikanerin auf Instagram postete. Die meisten laden dort Bilder von ihrem Mittagessen hoch, für Wisdom aber ist es eine Art Bildertagebuch, in dem jeder mitlesen kann. Denis Lafargue sah das Foto im vergangenen Jahr. Er schrieb darunter: „Ich vermisse diesen Ort.“ Elizabeth antwortete: „Es ist ganz sicher der schönste Ort, an dem ich jemals war.“ Monate später wird Denis der jungen Frau einen Heiratsantrag machen, mit der Chronik ihrer Instagram-Bilder. Die ersten werden Elizabeth noch im Selbstporträt zeigen, die letzten, wie sie ihre Wange an Denis’ Bart schmiegt.

          Dazwischen liegen etliche Kommentare unter den Instagram-Bildern. Als Elizabeth anfängt, sich schon beim Hochladen eines Bildes auf Denis’ Nachrichten zu freuen, ist es lästig, dass auch andere mitlesen können. Sie gibt ihm ihre Handynummer, die Nachrichten werden privater. Irgendwann setzt Elizabeth sich ins Auto und fährt von Texas nach Louisiana, um Denis zu treffen.

          Keine große mediale Revolution

          Ab diesem Punkt war es das klassische Dating. Stadt zeigen, Kaffee trinken, kennenlernen. Vielleicht war Elizabeth schon verliebt, als sie hinfuhr. Auf jeden Fall fasziniert. Hoffmann, die Kommunikationswissenschaftlerin, sieht im Flirten via Smartphone gar keine große mediale Revolution. „Die Literatur ist doch voll von Liebesbriefen. SMS sind die moderne, komprimierte Form davon.“ Es sei auch gewissermaßen eine Kunst, sich so auszudrücken – und natürlich könne so auch Nähe hergestellt werden.

          Psychiater Paetzold widerspricht dem vehement. Für ihn ist klar: Schreiben erschwert das Verlieben nur. „Wir verlieben uns nicht in ein Buch oder einen Text, das geht über viele Sinne.“ Man spüre nicht, wie jemand errötet, wenn man ihm etwas sagt, man sieht nicht das Gesicht. „Verlieben, das ist ein körperlicher Akt.“ Und dann wäre da ohnehin noch die Frage, wie sie denn gemeint ist, die Nachricht.

          Anna kennt solche Momente. Die, in denen sie schon lächelt, wenn sie nur den Namen auf ihrem Handy aufblinken sieht. Wenn sie die Nachricht öffnet, die Worte verschlingt und nach dem letzten Punkt erst ihre Mundwinkel herunterrutschen und dann ihr Herz. Die 26-Jährige ist schon einige Zeit mit ihrem Freund zusammen, auch die beiden sind mit SMS aufgewachsen, sie schreiben sich auch jetzt oft den ganzen Tag. Obwohl Anna eigentlich weiß, was sie ihrem Freund bedeutet, ist da trotzdem dieser Stich, wenn etwas fehlt in der Nachricht. „Wir beenden unsere SMS immer mit dem Wort ,Kuss‘ oder einem Kuss-Smiley“, erzählt Anna. Ist das nicht da, grübele sie sofort, ob ihr Freund vielleicht sauer auf sie sei. „Ich kann da gar nichts gegen machen, das kommt einfach, ganz automatisch.“

          Fehlende Zeichen sorgen für Irritation

          Psychiater Paetzold weiß von diesen Zweifeln. Er hat das Buch „Teflonherz und Liebesgier“ geschrieben über die SMS, die Patienten ihm in der Sitzung unter die Nase halten mit der Frage, was das denn bitte heißen soll. „Die Leute denken intuitiv, dass etwas anderes gemeint ist, als dort steht, und halten diese Ambiguität nicht aus“, sagt er. Bei Nachrichten fehlten Körperhaltung, Augenkontakt, Stimmlage – jegliche Zeichen, an denen sich normalerweise ableiten lässt, wie etwas gemeint ist. Paetzold rät daher jedem, die Nachricht einfach mal so hinzunehmen. Genau so, wie sie da steht.

          Hätte Anna das so gemacht, wären ihr viele Gedanken erspart gewesen. Denn bei ihrem Freund war es einfach die Eile, die ihn den Kuss-Smiley vergessen ließ. Es dauerte trotzdem noch einige Nachrichten lang, bis Anna überzeugt war, dass wirklich kein böser Wille dahintersteckt.

          Wer gerade noch dabei ist, sich zu verlieben, hat es nach Ansicht von Kommunikationsexpertin Hoffmann noch schwerer mit den Interpretationen: „Wer noch nicht so vertraut ist, weiß auch nicht, wie der andere auf die Botschaften reagiert. Wenn dann etwas ungeschickt formuliert wurde, ist es mitunter schwer, das zu revidieren.“

          Wo beim Bier an der Bar ein Lächeln das schlechte Gefühl sofort weggewischt hätte, steht die Bemerkung beim SMS-Flirt ins Display gemeißelt. Mit viel Zeit zum Nachgrübeln und wenig Chancen, aufs richtige Ergebnis zu kommen.

          Vanessa und Tobias zumindest haben es geschafft, all diese Fettnäpfchen zu umtexten. Was sie schrieben, hatte beide so neugierig gemacht, dass Vanessa sich irgendwann traute. „Wie sieht’s denn mit einem Feierabendbier aus?“ So schnell ihre Finger über das Display geflogen waren, nun hielt sie doch inne. Nein, sie wollte jetzt richtig daten. Vanessas Daumen tippte auf „Senden“, und ihr Herz schlug schneller. Drei Sekunden, zehn Sekunden, Vanessa starrte aufs Display. Ein Haken neben ihrer Nachricht zeigte an, dass Tobias sie erhalten hatte. Oben, unter seinem Namen, änderte sich sein Status in „schreibt“. Keine zwanzig Sekunden, da ploppte seine Antwort unter ihrer Frage auf. „Ja klar, heute Abend? Ich hol’ dich ab!“

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