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Liebe : Mein Herz für Deine SMS

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Keine große mediale Revolution

Ab diesem Punkt war es das klassische Dating. Stadt zeigen, Kaffee trinken, kennenlernen. Vielleicht war Elizabeth schon verliebt, als sie hinfuhr. Auf jeden Fall fasziniert. Hoffmann, die Kommunikationswissenschaftlerin, sieht im Flirten via Smartphone gar keine große mediale Revolution. „Die Literatur ist doch voll von Liebesbriefen. SMS sind die moderne, komprimierte Form davon.“ Es sei auch gewissermaßen eine Kunst, sich so auszudrücken – und natürlich könne so auch Nähe hergestellt werden.

Psychiater Paetzold widerspricht dem vehement. Für ihn ist klar: Schreiben erschwert das Verlieben nur. „Wir verlieben uns nicht in ein Buch oder einen Text, das geht über viele Sinne.“ Man spüre nicht, wie jemand errötet, wenn man ihm etwas sagt, man sieht nicht das Gesicht. „Verlieben, das ist ein körperlicher Akt.“ Und dann wäre da ohnehin noch die Frage, wie sie denn gemeint ist, die Nachricht.

Anna kennt solche Momente. Die, in denen sie schon lächelt, wenn sie nur den Namen auf ihrem Handy aufblinken sieht. Wenn sie die Nachricht öffnet, die Worte verschlingt und nach dem letzten Punkt erst ihre Mundwinkel herunterrutschen und dann ihr Herz. Die 26-Jährige ist schon einige Zeit mit ihrem Freund zusammen, auch die beiden sind mit SMS aufgewachsen, sie schreiben sich auch jetzt oft den ganzen Tag. Obwohl Anna eigentlich weiß, was sie ihrem Freund bedeutet, ist da trotzdem dieser Stich, wenn etwas fehlt in der Nachricht. „Wir beenden unsere SMS immer mit dem Wort ,Kuss‘ oder einem Kuss-Smiley“, erzählt Anna. Ist das nicht da, grübele sie sofort, ob ihr Freund vielleicht sauer auf sie sei. „Ich kann da gar nichts gegen machen, das kommt einfach, ganz automatisch.“

Fehlende Zeichen sorgen für Irritation

Psychiater Paetzold weiß von diesen Zweifeln. Er hat das Buch „Teflonherz und Liebesgier“ geschrieben über die SMS, die Patienten ihm in der Sitzung unter die Nase halten mit der Frage, was das denn bitte heißen soll. „Die Leute denken intuitiv, dass etwas anderes gemeint ist, als dort steht, und halten diese Ambiguität nicht aus“, sagt er. Bei Nachrichten fehlten Körperhaltung, Augenkontakt, Stimmlage – jegliche Zeichen, an denen sich normalerweise ableiten lässt, wie etwas gemeint ist. Paetzold rät daher jedem, die Nachricht einfach mal so hinzunehmen. Genau so, wie sie da steht.

Hätte Anna das so gemacht, wären ihr viele Gedanken erspart gewesen. Denn bei ihrem Freund war es einfach die Eile, die ihn den Kuss-Smiley vergessen ließ. Es dauerte trotzdem noch einige Nachrichten lang, bis Anna überzeugt war, dass wirklich kein böser Wille dahintersteckt.

Wer gerade noch dabei ist, sich zu verlieben, hat es nach Ansicht von Kommunikationsexpertin Hoffmann noch schwerer mit den Interpretationen: „Wer noch nicht so vertraut ist, weiß auch nicht, wie der andere auf die Botschaften reagiert. Wenn dann etwas ungeschickt formuliert wurde, ist es mitunter schwer, das zu revidieren.“

Wo beim Bier an der Bar ein Lächeln das schlechte Gefühl sofort weggewischt hätte, steht die Bemerkung beim SMS-Flirt ins Display gemeißelt. Mit viel Zeit zum Nachgrübeln und wenig Chancen, aufs richtige Ergebnis zu kommen.

Vanessa und Tobias zumindest haben es geschafft, all diese Fettnäpfchen zu umtexten. Was sie schrieben, hatte beide so neugierig gemacht, dass Vanessa sich irgendwann traute. „Wie sieht’s denn mit einem Feierabendbier aus?“ So schnell ihre Finger über das Display geflogen waren, nun hielt sie doch inne. Nein, sie wollte jetzt richtig daten. Vanessas Daumen tippte auf „Senden“, und ihr Herz schlug schneller. Drei Sekunden, zehn Sekunden, Vanessa starrte aufs Display. Ein Haken neben ihrer Nachricht zeigte an, dass Tobias sie erhalten hatte. Oben, unter seinem Namen, änderte sich sein Status in „schreibt“. Keine zwanzig Sekunden, da ploppte seine Antwort unter ihrer Frage auf. „Ja klar, heute Abend? Ich hol’ dich ab!“

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