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Liebe : Mein Herz für Deine SMS

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Angst vor dem ersten Kontakt überwinden

Der Vorteil dabei: Beim Chatten fühle man sich in einem sicheren Abstand zum Gesprächspartner, schreibt Turkle in ihrem Buch „Verloren unter 100 Freunden“. Der Hamburger Psychiater Wolfgang Paetzold sieht im Geschreibe vor allem die Chance, die Angst vor dem ersten Kontakt zu überwinden. Wem plötzlich kein lockerer Spruch mehr einfällt, wenn er dem Angebeteten gegenübersteht, kann ihn ausgefeilt ins Messenger-Fenster tippen. „Früher gab es diese technischen Mittel nicht, aber jetzt können Schüchterne eine Nachricht schreiben und haben erst einmal nichts zu befürchten. Zumindest keine unmittelbare Reaktion“, sagt Paetzold.

Auch Nico fiel das Schreiben leicht. Wenn er tippte, erzählte er mehr von sich als sonst. Und er fragte mehr. „Wenn man sich trifft, dann spricht man mehr darüber, was gerade um einen herum passiert, als dass man wirklich etwas über den anderen erfährt“, erzählt Nico. Mit den Nachrichten gehe das viel schneller. Und direkter. So wusste Nico schon nach ein paar Tagen mehr von Theresas Leben, als er in der gleichen Zeit bei Dates erfahren hätte. Da ist er sich sicher. Irgendwann fragte Nico nach Theresas Handynummer, das war der nächste Schritt. Nicht, um einfach anzurufen. Sie wechselten nur die Plattform. Bei WhatsApp sind die Nachrichten gefühlt exklusiver, intimer. Schließlich lässt sich der Kontakt nicht über eine simple Suchanfrage finden; man braucht die Telefonnummer, man muss nach ihr gefragt haben.

Vanessa und Tobias waren irgendwann ebenfalls bei WhatsApp angelangt. Ihr fiel das Schreiben leichter, weil sie nachdenken konnte. Statt spontan eine witzige Antwort parat zu haben, wenn sie mit Tobias im Fahrstuhl stand, formulierte sie um, löschte, tippte neu. Sie hatte alle Zeit, sich den perfekten Text zu überlegen. Den, mit dem sie einen Hauch draufgängerischer wirkt, als sie eigentlich ist.

„Online zeigen wir nur Facetten von uns, nie das ganze Selbst“

„Am Bildschirm hat man die Möglichkeit, sich selbst so darzustellen, wie man gern sein möchte, und sich andere so vorzustellen, wie man sie gern hätte“, schreibt Turkle. Die Amerikanerin hält das für eine zweifelhafte bis gefährliche Entwicklung. Eine der wenigen, die sich dem Thema in Deutschland wissenschaftlich angenommen haben, ist Dagmar Hoffmann. Die Professorin der Universität Siegen untersucht Kommunikationsformen und meint: „Online zeigen wir nur Facetten von uns, nie das ganze Selbst.“ Da steht dann nicht jeder Film, den man eigentlich mag, unter „Gesehen“ im Facebook-Profil. Sich mit Ende zwanzig als Rosamunde-Pilcher-Fan zu outen, kommt schließlich nicht bei jedem gut an. Beim Flirten funktioniere es ähnlich.

Doch kann man sich überhaupt verlieben, in diese Nachrichten? Die Texanerin Elizabeth Wisdom würde sicher antworten mit: Natürlich! Ihre Geschichte fing an mit einem Foto von einem See in Oregon, das die Amerikanerin auf Instagram postete. Die meisten laden dort Bilder von ihrem Mittagessen hoch, für Wisdom aber ist es eine Art Bildertagebuch, in dem jeder mitlesen kann. Denis Lafargue sah das Foto im vergangenen Jahr. Er schrieb darunter: „Ich vermisse diesen Ort.“ Elizabeth antwortete: „Es ist ganz sicher der schönste Ort, an dem ich jemals war.“ Monate später wird Denis der jungen Frau einen Heiratsantrag machen, mit der Chronik ihrer Instagram-Bilder. Die ersten werden Elizabeth noch im Selbstporträt zeigen, die letzten, wie sie ihre Wange an Denis’ Bart schmiegt.

Dazwischen liegen etliche Kommentare unter den Instagram-Bildern. Als Elizabeth anfängt, sich schon beim Hochladen eines Bildes auf Denis’ Nachrichten zu freuen, ist es lästig, dass auch andere mitlesen können. Sie gibt ihm ihre Handynummer, die Nachrichten werden privater. Irgendwann setzt Elizabeth sich ins Auto und fährt von Texas nach Louisiana, um Denis zu treffen.

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