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Leopold Hawelka : Zum Hundertsten ein Jubiläumshäferl

  • -Aktualisiert am

Leopold Hawelka in seinem Wiener Kaffeehaus Bild: picture-alliance / APA/GEORG HOC

Leopold Hawelka feiert an diesem Montag seinen 100. Geburtstag. Der Kaffehausbesitzer ist eine Institution. Wer sein Café nicht kennt, der war nicht in Wien.

          Noch heute sitzt der Alte morgens in seinem Kaffeehaus. Den Kellnern gibt er dann Anweisung, Aschenbecher auf die Tische zu stellen. Dabei sind die Rauchschwaden im Café Hawelka seit einem Jahr Geschichte, wegen der Änderungen im Tabakgesetz. Eine Trennwand lehnte die Familie ab. Mit Hilfe des Denkmalschutzes wollte sie die Raumtrennung, also die Raucherregelung, geschickt umgehen. Doch das Bundesdenkmalamt beschied den Antrag abschlägig. So sind die Anweisungen des alten Herrn nur noch ein Gruß an die Vergangenheit.

          Aber es ist eine glorreiche Vergangenheit. Wer das Hawelka nicht kennt, der war nie in Wien. Wer den Fuß nicht über die Schwelle des von außen unscheinbaren Kaffeehauses in der Dorotheergasse setzte, einen Steinwurf vom Stephansdom entfernt, der hat eine Sehenswürdigkeit ausgelassen, von koffeinhaltigen und süßen Genüssen zu schweigen, von nostalgischen Anwandlungen erst recht. Das Hawelka ist nicht so schick wie das Landtmann, nicht so aufgeräumt wie das Central, nicht so schön wie das Sperl – aber es hat trotz und wegen des abgelebten Interieurs mehr Charme als alle anderen.

          Ein Café, das zum Künstlertreff wurde

          Leopold Hawelka, geboren am 11. April 1911 in Mistelbach in Niederösterreich, begann 1936 als Kaffeehausbesitzer zu arbeiten, am Tag nachdem er seine Josefine geheiratet hatte, mit der er fast 70 Jahre lang – meist im Kaffeehaus – zusammen war, bis sie vor sechs Jahren starb. Sie begannen mit dem „Café Alt Wien“ und wechselten drei Jahre später den Standort, zogen von der Bäcker- in die Dorotheergasse, wo einst die Bar „Je t’aime“ war – das „Chambre separée“ dient den Kaffeesiedern bis heute als Lagerraum. Wirklich große Veränderungen nahmen die beiden nie vor, die Innendekoration wurde im Originalzustand belassen. Doch kurz nach der Eröffnung musste das Café Hawelka bereits wieder geschlossen werden, denn Leopold wurde zur Wehrmacht eingezogen. Kaffeehaus und Besitzer überstanden den Krieg, und so konnte es bereits im Herbst 1945 wieder eröffnet werden.

          Bis zum Staatsvertrag 1955 und dem Abzug der Russen gaben sich mitunter Besatzungsoffiziere und Leute vom Schlage des „Dritten Mannes“ die Klinke in die Hand. In den sechziger und siebziger Jahren wurde das Hawelka zum Künstlertreffpunkt. Als erstes entdeckten Schriftsteller wie Heimito von Doderer und Friedrich Torberg das Kaffeehaus. Sie zogen Friedensreich Hundertwasser und Ernst Fuchs nach sich. Die Hawelkas ließen eine Wand des gerade mal 100 Quadratmeter großen Cafés mit Postern bedecken, die Veranstaltungen bewarben. Das Hawelka wurde zum Kristallisationspunkt der Wiener Szene. Unter den Stammgästen waren H.C. Artmann, Gerhard Rühm, Helmut Qualtinger, Oskar Werner, Nikolaus Harnoncourt und André Heller. Musikalisch verewigt wurde das Kaffeehaus von Georg Danzer in seinem „Flitzerlied“: „Jö schau, so a Sau / Jössas na, was macht a Nackerter im Hawelka?“

          Heute kommen die Touristen

          Die Bohème zog nicht nur die Wohnzimmer-Atmosphäre an, sondern auch die „selberg’machten Buchteln“: Bis zu ihrem plötzlichen Tod schob Josefine Hawelka die gefüllten Germziegel eigenhändig in den Ofen. Seitdem kümmert sich Sohn Günter Hawelka - gelernter Konditor und auch schon im Pensionsalter - um das Backwerk. Das Hawelka war ideal zum Philosophieren, Extemporieren und Extrapolieren hinter Rauchschwaden. Doch mit alledem ist es nicht nur wegen des Rauchverbots vorbei. Die Kreativszene ist durch Touristen ersetzt, denen der Hausherr Autogramme gibt, so er zugegen ist.

          Gebrechlich ist Leopold Hawelka inzwischen, so dass er beim Gehen der Stütze bedarf und mitunter im Rollstuhl sitzt. Aber nach Auskunft der Enkel, die heute die Geschäfte führen, ist er zwanzig Stunden die Woche anwesend. Kaffee lässt er sich noch regelmäßig servieren. An fast jedem Vormittag sitzt er im Lokal. „Er ist immer noch unser Generaldirektor“, sagt Enkel Michael Hawelka, der mit seinem Bruder Amir die Geschäfte führt.

          Leopold Hawelka selbst hat nie geraucht. Und der Tabakqualm von Kaffeehausliteraten und anderen illustren bis gewöhnlichen Gästen hat ihm offensichtlich nicht geschadet. Am Montag begeht er im Kreise von Familie und Adabeis aus Kultur, Wirtschaft und Politik, die aus diesem Anlass in die Dorotheergasse kommen, seinen 100. Geburtstag. Das Geheimnis seines langen Lebens: Er lebte solid. Abzüglich des Lasters Süßigkeiten: Die hauseigenen Buchteln gehören zu seinen Lieblingsspeisen. Als Geschenk zum Geburtstag hat das Geschäftsführer-Duo nun eigens Leopold-Hawelka-Tassen anfertigen lassen. Die Jubiläumshäferl, in denen Gäste fortan ihre Melange oder ihren Verlängerten serviert bekommen, sind weiß, bedruckt mit der Unterschrift des Chefs. Denn das wird er bleiben, so lange er unter den Lebenden weilt.

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