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Lehrerbewertung im Internet : „Offen mit den Schülern sprechen“

Schüler dürfen ihre Lehrer weiterhin anonym im Internet benoten Bild: AP

„Spickmich.de“ darf es nach einem Urteil des BGH weiter geben. Lehrer halten das Portal zwar für pubertär, die Macher aber glauben, dass die anonyme Benotung von Lehrern im Internet zu einem besseren Unterricht führen kann.

          Der geheime Wunsch der Klägerin ging am Tag nach dem Gerichtsurteil in Erfüllung. Die Internetseite „Spickmich.de“, auf der Schüler anonym ihren Lehrern Zensuren geben können, war nicht mehr erreichbar. Der Ansturm auf das Bewertungsportal war so groß, dass die Server kurzerhand zusammenbrachen. „Sorry, versucht es später noch einmal“ war alles, was am Bildschirm noch zu erfahren war. „Die Publicity der letzten Tage hat einen enormen User-Schub gebracht“, sagt „Spickmich“-Mitarbeiter Andreas Horatz, der seit Mittwoch hauptsächlich damit beschäftigt ist, die Plattform technisch am Laufen zu halten.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Am Dienstag hatte der Bundesgerichtshof in Karlsruhe verkündet, dass Schüler ihre Lehrer auf „Spickmich.de“ benoten dürfen. Es ist das vorläufige Ende eines Rechtsstreits, den es seit mehr als zwei Jahren gibt - und damit beinahe so lange wie das Zensurportal selbst. Im Februar 2007 hatten drei Kölner Studenten die Idee, analog zur Online-Evaluation von Universitätspersonal unter Adressen wie „Meinprof.de“ auch mal Lehrer bewerten zu lassen. Seitdem können Schüler ihren Paukern in zehn Kategorien Noten geben, darunter „guter Unterricht“, „fachlich kompetent“ und „vorbildliches Auftreten“ sowie „motiviert“, „beliebt“ und „cool und witzig“. Der Durchschnitt aller Einzelbewertungen ergibt eine Gesamtnote, die auf einem Zeugnis mit dem Namen des Lehrers und der Schule auf der Seite veröffentlicht wird. Das wiederum können nur registrierte Schüler der jeweiligen Schule selbst einsehen, Fremdgucken ist nicht möglich.

          Informationelle Selbstbestimmung gegen freien Meinungsaustausch

          Mit Kritik hatten die Gründer gerechnet - nicht aber damit, dass sie sich umgehend vor Gericht würden verantworten müssen. Doch der Deutsch- und Religionslehrerin Astrid C. aus Neunkirchen-Vluyn in Nordrhein-Westfalen ging so viel Schülerfreiheit entschieden zu weit. Über eine Kollegin sei sie auf das Portal aufmerksam geworden, sagt ihr Anwalt Burkhard Reiß; seine Mandantin selbst möchte sich nach wie vor nicht öffentlich äußern. Was sie damals erfuhr, war wohl wenig erfreulich; mit der Gesamtnote 4,3 hatte sie bei ihren Schülern gerade mal „ausreichend“ abgeschnitten. Astrid C. verlangte daraufhin, ihren Namen samt Zeugnis von der Seite zu entfernen. „Die Daten sind ohne ihre Einwilligung verwendet worden“, sagt Reiß. Aufgrund der anonymen Bewertung sei zudem nicht klar, ob wirklich nur Schüler die Zensuren abgegeben hätten. Außerdem könnten Lehrer nicht darauf reagieren.

          Gerda Müller, Vorsitzende Richterin des BGH, entschied für den freien Meinungsaustausch

          Doch das Landgericht und das Oberlandesgericht Köln wiesen die Klage genauso ab wie nun der Bundesgerichtshof. Es gehe um einen grundsätzlichen Konflikt, sagte Gerda Müller, Vorsitzende Richterin in Karlsruhe. Wiegt das Recht auf informationelle Selbstbestimmung mehr oder der freie Meinungsaustausch? Das Gericht entschied sich für Letzteres und stellte klar, dass Veröffentlichungen über Berufliches nicht den gleichen Schutz genießen wie öffentliche Äußerungen über Privates - vorausgesetzt, die Veröffentlichungen enthalten keine Schmähungen oder gar Intimes.

          „Ich wollte wissen, ob ich dort vertreten bin“

          Die Kläger sehen das freilich völlig anders. „Die BGH-Entscheidung kann in keiner Weise überzeugen“, sagt Reiß. Ob jemand cool oder witzig sei, habe mit der beruflichen Beurteilung wenig zu tun. „Wir prüfen, ob wir Verfassungsbeschwerde einlegen.“ Das wünscht sich auch der Vorsitzende des Lehrerverbands, Josef Kraus, in seinem stilistisch freilich nicht ganz sauberen Satz: „Vergröberte und verengte Internet-Urteile über Lehrer sind, zumal solche Urteile beliebig manipulierbar sind, überhaupt nicht hilfreich.“

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