https://www.faz.net/-gum-pjfd

Lebensqualität : Die Reichen und Schönen leben länger

Gute Aussichten auf ein gesundes, langes Leben: Der sechsmalige Oscar-Preisträger Arthur Cohn Bild: DPA

Aber nicht, weil sie reich und schön sind. Sozialmedizinische Studien belegen: Es ist soziale Anerkennung, die gesund hält. Der Ruhm verlängert das Leben, die Sorge macht krank.

          3 Min.

          Daß Arme und Reiche unterschiedliche Lebenserwartungen haben, dürfte niemanden verwundern. Denn soziale Ungleichheit wird zumeist aus ökonomischer Ungleichheit abgeleitet.

          Reiche, so könnte man sich das erklären, haben die besseren Ärzte und mehr Möglichkeiten, sich gesund zu ernähren. Sie wissen aufgrund besserer Ausbildung mehr über das medizinisch Gebotene, und sie arbeiten unter angenehmeren Bedingungen: Arbeitsunfälle passieren in Banken und Anwaltskanzleien einfach seltener.

          Oscar-Preisträger sind langlebiger

          Vor Jahren schon haben zwei kanadische Mediziner eine Studie vorgelegt, die Zweifel an diesem Bild erlaubt. Donald Redelmeier und Sheldon Singh aus Toronto sammelten Daten über das erreichte Lebensalter von Oscar-Preisträgern aus zweiundsiebzig Jahren, in denen dieser Preis in Hollywood vergeben wurde. Ihre Vermutung war es, daß die begehrte Trophäe und den entsprechenden Ruhm zu erringen sich günstig auf das Lebensgefühl und damit die Gesundheit der Filmprominenz auswirken müßte. Als Vergleichsgruppe wählten sie dabei zum einen Schauspieler desselben Geschlechts, die in ebenden Filmen mitgewirkt hatten, für die den Preisträgern der Oscar verliehen worden war. Zum anderen ermittelten sie auch das Lebensalter von solchen Akteuren, die nur nominiert, aber nie prämiert wurden. Das Ergebnis: Die Oscar-Preisträger lebten im Durchschnitt noch vierzig Jahre nach ihrem Erfolg und damit vier Jahre länger als die anderen Mitwirkenden.

          Sophia Loren gewann 1991 den Ehren-Oscar und ist heute immer noch attraktiv. Liegt`s am Filmpreis?

          Sind vier Jahre viel? Der Londoner Sozialmediziner Michael Marmot, der soeben mit dem renommierten Balzan-Preis für Wissenschaften ausgezeichnet worden ist, hat ermittelt, daß eine Verlängerung der Lebenserwartung um vier Jahre zu erwarten wäre, wenn man alle Herzkrankheiten, also die Haupttodesursache in modernen Gesellschaften, aus der Statistik herausrechnen könnte, wenn also nur noch aufgrund anderer Ursachen gestorben würde. "Einen Oscar zu gewinnen ist so ähnlich, als würden Sie die Möglichkeit, an einem Herzinfarkt zu sterben, für sich selbst auf Null reduzieren können." Tatsächlich sinkt für die Oscar-Preisträger aber nicht nur diese Wahrscheinlichkeit, sondern auch die anderer letaler Krankheiten.

          Geld macht nicht glücklich

          Die kanadischen Forscher konnten statistisch ausschließen, daß der gute physische Zustand von Schauspielern es für sie wahrscheinlicher gemacht hatte, den Oscar zu gewinnen. Nicht die Gesundheit erwirkt den Ruhm, der Ruhm erwirkt die Gesundheit. Und es ist der Ruhm, nicht das Geld - die anderen Mitwirkenden der Filme waren ebenfalls bekannte Schauspieler, keinesfalls arme Leute, mitunter nicht einmal ärmer als die Preisträger. Der Befund war also: Arme und Reiche mögen unterschiedliche Lebenserwartungen haben, aber auch unter den Reichen und Schönen gibt es so erhebliche Differenzen, daß die Vermutung naheliegt, nicht allein die ökonomische Position entscheide über Krankheitsrisiken.

          Interessanterweise, so Michael Marmot, war der positive Einfluß des Oscars auf die Lebensdauer bei einer Preisträgergruppe nicht festzustellen, nämlich bei den Drehbuchautoren. Das sei kein Widerspruch, erläuterte ihm ein befreundeter Schriftsteller, denn die Drehbuchschreiber arbeiteten nicht für Ruhm, sondern für Geld. Einen Oscar zu erhalten bedeute für Drehbuchautoren keine Steigerung ihres Lebensgefühls, sondern nur eine Steigerung ihrer Einnahmen. Wie überzeugend das immer sein mag - als Ergebnis der sozialmedizinischen Studie ist festzuhalten, daß nicht allein das Einkommen den Gesundheitszustand sozialer Gruppen erklärt. Statt dessen scheint es eine Rolle zu spielen, wie anerkannt jemand in seinem Beruf ist, wie stark er sich Festlegungen ausgesetzt sieht, wie sehr er also das Gefühl hat, über sein Leben selber bestimmen zu können. Wer Oscar-Preisträger ist, kann sich in höherem Maße heraussuchen, in welchen Filmen er auftreten möchte. Der Geehrte "hat es geschafft", er steht nicht mehr unter demselben Bewährungsdruck wie andere. Das Bemerkenswerte der kanadischen Studie ist insofern gerade, daß selbst für die Lebensbedingungen von Hollywoodstars, die man sich als Normalbürger recht entspannt vorstellt, solche Streßfaktoren eine gesundheitlich wirksame Bedeutung haben.

          Die Sorge macht krank

          Damit ist der entscheidende Begriff benannt: Streß. In Marmots Formulierung: Das Ausmaß, in dem eine Person selbst kontrolliert, was sie tut, und sich nicht unter äußerem Druck fühlt, schlägt sich statistisch in der Wahrscheinlichkeit nieder, krank zu werden.

          Oscar-Preisträger leben im Durchschnitt länger als ihre Kollegen, weil ihr Leben nach dem Gewinn der Trophäe entspannter verläuft als vorher. Nicht Armut, sondern Sorge macht krank, kann man darum sagen, und Armut nur insofern, als mit ihr Sorgen zumeist einhergehen.

          Weitere Themen

          Polizist bei Protesten durch Pfeil verletzt Video-Seite öffnen

          Straßenschlacht in Hongkong : Polizist bei Protesten durch Pfeil verletzt

          In Hongkong haben sich die Fronten am Wochenende verhärtet: Aktivisten der Demokratiebewegung verschanzten sich in einer Universität und griffen die Polizei mit Pfeil und Bogen und Molotow-Cocktails an. Ein Polizist wurde dabei verletzt.

          Topmeldungen

          Kriminalfall : Milliarden-Betrug mit falscher Kryptowährung

          Die bulgarische „OneCoin“-Erfinderin Ruja Ignatova hat Anleger wohl um 4 Milliarden Dollar gebracht – danach ist die „Krypto-Königin“ verschwunden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.