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Lebensmittelverschwendung : Wird Containern bald legal?

  • Aktualisiert am

Jeder Bundesbürger wirft im Schnitt 85 Kilo Lebensmittel pro Jahr weg. Bild: dpa

Wer weggeworfene Lebensmittel aus dem Abfall der Supermärkte holt, muss mit einer Geldstrafe rechnen – bisher. Nun will Hamburg offenbar das sogenannte Containern erlauben.

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          Jedes Jahr werden in Deutschland mehr als 18 Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet. Das entspricht einer LKW-Ladung pro Minute. Hamburgs Justizbehörde unter dem grünen Senator Till Steffen will die Verschwendung nun offenbar eindämmen und das sogenannte Containern, also das Aufsammeln bereits weggeworfener Lebensmittel aus Supermarkt und Produktion, legalisieren. Das berichtet die „Neue Osnabrücker Zeitung“. Ein entsprechender Antrag Hamburgs soll am 5. und 6. Juni bei einer Konferenz in Travemünde besprochen werden. Containern wird nicht nur von Obdachlosen und Bedürftigen betrieben, sondern auch von Aktivisten, die sich für die Rettung von Lebensmitteln und Ressourcenschonung engagieren.

          Bisher steht das Aufsammeln entsorgter Lebensmittel unter Strafe, auch wenn diese noch genießbar sind, es handelt sich nach der aktuellen Rechtslage um „fremde bewegliche Sachen“, die nicht entwendet werden dürfen. Der Supermarkt oder die Fabrik geben ihr Eigentum an den Lebensmitteln demnach nicht auf, sondern übertragen es nur an die Entsorgungsdienste. In einzelnen Fällen ergingen bereits Geldstrafen. Hamburg möchte laut dem Zeitungsbericht eine Neuregelung dieser Eigentumsaufgabe prüfen. Die Alternative sei ein generelles Wegwerfverbot für Supermärkte, wie es bereits in Frankreich beschlossen wurde. Dort sind große Märkte dazu verpflichtet, ihre aussortierte Ware an gemeinnützige Organisationen zu verschenken. Auch dieses Modell will Senator Steffen offenbar prüfen.

          Wege, die Verschwendung einzudämmen, gibt es viele: Lokale „Foodsharing“-Kampagnen arbeiten gezielt mit Supermärkten oder Bäckereien zusammen, um Lebensmittel, die nicht verkauft wurden, zu verteilen. „Foodsharer“, die sich in Facebook- oder Whatsapp-Gruppen organisieren, gibt es mittlerweile in nahezu jeder größeren Stadt. Auch Geschäftsmodelle, wie das des Gründers Raphael Fellmer kämpfen gegen den Wegwerf-Wahn. In seinem Berliner Supermarkt „Sirplus“ verkauft er Lebensmittel, die das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben oder aufgrund von kleineren Mängeln aussortiert wurden. Fellmer plant, mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne weitere Filialen in ganz Deutschland zu eröffnen. Die Nachricht aus Hamburg stimmt Fellmer froh: „Ich habe selber jahrelang containert und hätte nicht gedacht, dass es in Deutschland mal dazukommt.“

          Auch mit Apps wie „TooGoodToGo“ kann man sich aktiv gegen Verschwendung einsetzen. Dort bieten Restaurants übriggebliebenes Essen für einen geringeren Preis an. Der Nutzer kann in seiner Umgebung Anbieter filtern, die mitmachen und sich Gerichte, die sonst im Müll landen müssten, direkt abholen.

          Die Bundesregierung hat sich im vergangenen März darauf geeinigt, die Verschwendung bis 2030 um mindestens 50 Prozent einzudämmen. Lebensmittel-Pionier Fellmer sieht die Verantwortung bei allen Akteuren in der Kette: „Es braucht ein breites Umdenken in der Politik, Bildung, bei Unternehmen und natürlich beim Endkonsumenten.“ Hamburgs Pläne könnten ein weiterer Schritt in diese Richtung sein.

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