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Lebensmittelskandal : „Das Fleisch stank zum Himmel“

  • Aktualisiert am

Putenfilet en Masse: Wer garantiert die Frische? Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Der Skandal um einen niedersächsischen Fleischerei-Betrieb, der verdorbenes Geflügelfleisch in den Handel gebracht hat, weitet sich aus. Die Gewerkschaft NGG bestätigte, daß sie schon Anfang des Jahres über die Praktiken des Betriebes informiert worden sei.

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          Der Fleischskandal in Niedersachsen scheint größere Ausmaße anzunehmen als bisher bekannt. Ein Sprecher des Agrarministeriums sagte am Samstag, „man kann davon ausgehen, daß das Prinzip schon länger läuft“. Es sei nicht unwahrscheinlich, daß Fleisch in den Handel gelangt sei.

          In mehreren Bundesländern haben die Ermittler insgesamt 15 bis 20 fleischverarbeitende Betriebe durchsucht. Bei der Firma Lastrup wurden 20 Tonnen möglicherweise verdorbenes Geflügelfleisch sowie Unterlagen und Computer beschlagnahmt. Bundesverbraucherminister Jürgen Trittin (Grüne) verlangte vom Land Niedersachsen, den Vorfall möglichst schnell aufzuklären.

          Schweigen aus Angst vor Kündigung

          Ob eine Gesundheitsgefährdung von dem Fleisch aus dem Lastruper Betrieb ausgeht, will das Ministerium in Hannover am Montag bekanntgeben. Dann sollen im Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Oldenburg die Ergebnisse untersuchter Fleischproben vorliegen.

          Vorerst stillgelegt: Der Fleisch-Betrieb in Lastrup
          Vorerst stillgelegt: Der Fleisch-Betrieb in Lastrup : Bild: dpa/dpaweb

          Die Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten (NGG) sei Anfang des Jahres von zwei Mitarbeitern über solche Praktiken in dem Betrieb informiert worden, bestätigte ein Gewerkschaftssekretär dem „Spiegel“. Die NGG habe ihnen geraten, mit ihrem Wissen zur Polizei zu gehen, was diese aus Angst vor Kündigung aber nicht gewagt hätten.

          Kritik an Kontrollen

          Der NGG-Vorsitzende Franz-Josef Möllenberg forderte deshalb, den Informantenschutz für Mitarbeiter in der Lebensmittelbranche zu erhöhen. Der Gesetzgeber müsse verhindern, daß Arbeitgeber über die Akteneinsicht herausfinden können, wer ihre Praktiken verraten hat. „Die Zahl der Lebensmittel-Skandale in jüngster Zeit zeigt, daß dringend gehandelt werden muß, zumal die staatlichen Kontrollen nicht ausreichen“, sagte Möllenberg.

          Der Geschäftsführer der Verbraucherorganisation „Foodwatch“, Thilo Bode, warf den Ländern und Kreisen vor, bei Kontrollen nicht genügend durchzugreifen. Im NDR forderte er, die Behörden müßten Namen der verdächtigen Betriebe veröffentlichen. „Dann würden die Firmen viel mehr aufpassen, bevor sie irgendwelche schlechten Sachen machen.“

          „Das Fleisch ist vergammelt“

          Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hatte den Betrieb in Lastrup geschlossen, nachdem vor etwa 14 Tagen eine Mitarbeiterin der insolventen Firma berichtet hatte, dort sei gefrorenes Fleisch unsachgemäß aufgetaut und als Frischfleisch in den Handel gebracht worden.

          Der Verdacht gegen den Betrieb in Lastrup hat sich bereits bei der Untersuchung einer ersten Probe bestätigt. Das sichergestellte Geflügelfleisch „stank zum Himmel“, teilte das Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) in Oldenburg mit. „Das Fleisch ist vergammelt und nicht zum Verzehr geeignet“, sagte die Sprecherin der Behörde, Hiltrud Schrandt.

          Tonnenweise Geflügelfleisch beschlagnahmt

          Außer in sechs weiteren niedersächsischen Betrieben gab es nach Angaben des Justizministeriums in Hannover auch Durchsuchungen in Nordrhein-Westfalen, Bremen, Berlin und Süddeutschland. „Das geschah zum Verbraucherschutz und zur Beweissicherung“, sagte Ministeriumssprecherin Jutta Rosendahl. Auch dort wurden nach Aussage des Oldenburger Staatsanwalts Bernard Südbeck abermals „tonnenweise Geflügelfleisch beschlagnahmt“. Der Betreiber der Firma schweigt bisher zu den Vorwürfen.

          Minister Trittin forderte das niedersächsische Landwirtschaftsministerium auf, ihm umgehend den aktuellen Sachstand mitzuteilen und eine Einschätzung über die mögliche Gesundheitsgefährdung für Verbraucher zu geben. Außerdem müßten die Lieferwege des Geflügelfleisches und mögliche Rückholaktionen geprüft werden. Sollte verdorbene Ware auch ins Ausland gegangen sein, müßten die EU-Kommission und die betroffenen Staaten informiert werden.

          „Das ist schlicht Betrug“

          Ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums in Hannover betonte, die zuständigen Überwachungsbehörden hätten korrekt gearbeitet. Inzwischen werde ein Berufsverbot für den verdächtigen Zwischenhändler geprüft. Es zeichne sich bereits als „ziemlich sicher“ ab, daß er sich der „gewerbsmäßigen Betrügerei“ schuldig gemacht habe. Mittlerweile ermittelt auch die Justiz wegen gewerbsmäßigen Betrugs und Verstoßes gegen das Lebensmittelgesetz.

          Die erste untersuchte Probe aus dem Betrieb sei schon vom Geruch her durchgefallen, sagte Laves-Sprecherin Schrandt. „Das reicht zur Beanstandung, ohne daß wir weiter untersuchen müßten.“ Das Fleisch werde nun aber weiter analysiert. So soll unter anderem ermittelt werden, ob es mit Keimen belastet ist. Dies könnte unter anderem dann der Fall sein, wenn - so ein weiterer Vorwurf - tatsächlich Fleisch mit Wasser aufgespritzt wurde, um das Gewicht zu vergrößern und damit den Preis zu steigern.

          Der neue Fleischskandal ist bereits der dritte binnen weniger Monate. So war bei Filialen der Handelskette Real Fleisch mit abgelaufenem Verfallsdatum umetikettiert und wieder verkauft worden. Eine Fleischfirma im niederbayerischen Deggendorf soll in mehr als 50 Fällen rund 760.000 Kilogramm für den menschlichen Verzehr untaugliche Geflügelabfälle als genußtaugliche Ware an Firmen verkauft haben, die diese Ware zu Lebensmitteln verarbeiteten.

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