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Lebensborn-Kinder : Ein Brief vom fremden, toten Vater

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Rechtliche und moralische Hürden

Fendt ließ die Sparbücher von Reichsmark auf D-Mark umstellen, Fendt rettete das Geld in den Siebzigern durch Übertrag auf ein Sammelkonto vor staatlichem Zugriff, Fendt suchte über das Rote Kreuz und den International Tracing Service nach den rechtmäßigen Besitzern der Sparbücher. Doch weil er keine professionellen Ermittler mit der Suche beauftragen konnte, meldeten sich nur wenige Betroffene: Nicht einmal 6000 Mark und nur 55 von insgesamt 469 Sparbüchern gab die KJF bis 1985 heraus. „Danach sind diese beiden Holzkisten in Vergessenheit geraten“, sagt Eberwein. „Das waren halt irgendwelche unvermittelbaren Sparbücher im Keller.“

Meiers Sparbuch, in das sein leiblicher Vater eingezahlt hatte.

Verantwortlich dafür war laut Eberwein der Datenschutz. Das erklärte die Juristin auch den Lebensborn-Kindern, die sich im Sommer bei ihr nach den Sparbüchern erkundigten: Sie dürfe die Liste mit den Namen aller Besitzer nicht herausgeben oder veröffentlichen. Jeder einzelne müsse daher bei ihr nachfragen, ob eines der Sparbücher auf seinen Namen laute. Dafür müssten jedoch alle noch lebenden Lebensborn-Kinder von diesen Sparbüchern wissen - obwohl viele nicht einmal ahnen, dass sie in der Obhut des SS-Vereins erzogen wurden.

Eberwein weiß um dieses Dilemma, verweist aber auf die rechtlichen Hürden. Und auf die moralischen: Was ist etwa mit denjenigen, die erst aus dem Sparbuch erfahren würden, dass sie bei der SS aufgewachsen sind, dass sie womöglich andere Eltern hatten, eine andere Kindheit? „Jeder muss selbst entscheiden, wie er mit seiner Vergangenheit umgeht“, sagt Eberwein deshalb. „Wir können nicht über das Schicksal anderer Leute entscheiden.“

Briefe an Verbände und Konzerne

Als die angereisten Gesandten der Lebensborn-Kinder im vergangenen Sommer ihre Vollmachten vorlegten, konnte Eberwein daher nur drei Sparbücher den rechtmäßigen Besitzern zurückgeben - einer davon war Peter Meier. Doch damit waren die Nachforschungen der Lebensborn-Kinder noch nicht am Ende. Denn während ihre Mitstreiter in München den Sparbüchern auf der Spur waren, hatte Ingrid Schmidt in Bremen längst eine weitere Fährte aufgenommen.

Von befreundeten Lebensborn-Kindern hatte sie erfahren, dass es nicht nur Sparbücher gab, sondern dass der NS-Staat auch massenweise Versicherungsverträge für den Nachwuchs abgeschlossen hatte. Die hießen „Mündelgeldversicherung“, „Aussteuerversicherung“ oder „Tochterversorgungsversicherung“ und sollten die Kinder, ähnlich wie die Sparbücher, finanziell absichern.

Seit Schmidt davon weiß, will sie auch diese Verträge mit den mittlerweile ergrauten Lebensborn-Kindern zusammenbringen. Sie schrieb Briefe an den Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft, an die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, an 15 Versicherungskonzerne.

„Es ist doch unsere letzte Chance“

Um Geld gehe es ihr dabei nicht, beteuert sie, ihre Hoffnung richte sich auf neue Informationsschnipsel: „In der Regel zahlte der Vater in die Versicherungen ein“, weiß die Seniorin und fügt an: „Wer solch einen Vertrag hat, kann auf Hinweise auf seinen Vater hoffen.“ Sie will daher so viele Sparbücher und Versicherungsverträge zu den rechtmäßigen Eigentümern bringen wie möglich. Langsam drängt jedoch die Zeit: Sie selbst ist 70 und gehört damit schon zu den jüngeren Lebensborn-Kindern. „Ich muss es jetzt versuchen oder nie“, sagt sie. „Es ist doch unsere letzte Chance.“ Sie wird wohl noch lange mit großem Aufwand nach kleinen Wahrheiten suchen.

Für Peter Meier hat sich dieser Aufwand jedenfalls gelohnt, denn er habe Frieden geschlossen mit seiner frühesten Kindheit. „Das Sparbuch ist der erste Beweis dafür, dass sich mein richtiger Vater irgendwie doch um mich gekümmert hat“, sagt Meier, „deshalb ist es ein wichtiger Mosaikstein in meiner Geschichte.“ Und mittlerweile ist auch das Geld von seinem Sparbuch bei ihm angekommen.

Immerhin lagen 1945 mehr als 1000 Reichsmark darauf, damals ein kleines Vermögen. Die Währungsreform von 1948 mit ihrem drastischen Wechselkurs von 1:10 hat jedoch ihre Spuren hinterlassen: Im Juli überwies die Katholische Jugendfürsorge 130,58 Euro auf Meiers Girokonto.

Wer in Heimen des Vereins „Lebensborn“ zur Welt kam oder aufgewachsen ist, kann sich bei Eva Eberwein von der Katholischen Jugendfürsorge der Erzdiözese München und Freising nach den Sparbüchern erkundigen: e.eberwein@kjf-muenchen.de, Tel.: 089 / 54 42 31 69.

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