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Lebensborn-Kinder : Ein Brief vom fremden, toten Vater

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Dabei verrät Meiers Sparbuch auf den ersten Blick nur Banalitäten: 1941 lagen knapp 250 Reichsmark darauf, zwei Jahre später schon 886,85 Mark. Doch für Meier bedeutet das rote Heftchen weit mehr: „Ich weiß jetzt, dass ich zwischen 1941 und 1943 tatsächlich bei Pflegeeltern war“, sagt der pensionierte Berufssoldat. Denn genau in diesem Zeitraum wurde regelmäßig Geld von seinem Sparbuch abgebucht, offenbar die Aufwandsentschädigung für seine Pflegeeltern.

Über die menschlichen Seiten seines Vaters, über Vorlieben oder Charakterzüge verrate das Sparbuch zwar nur wenig, gesteht Meier ein. „Aber jetzt weiß ich endlich genau, wann ich in meinen ersten Lebensjahren wo war“, sagt er, und: „Ich habe die Bestätigung meiner wirren Geschichte endlich schwarz auf weiß.“

Es sind seltene Funde wie diese Sparbücher, die Lebensborn-Kindern Aufschluss über ihre Herkunft geben können. Inzwischen haben sich die Betroffenen organisiert, eine Gruppe betagter Lebensborn-Kinder sucht in ganz Deutschland nach ihren Wurzeln. Sie gehören dem „Freundeskreis für Lebensborn-Kinder“ oder dem Verein „Lebensspuren“ an, und sie haben ein gemeinsames Ziel: Anhand von Versicherungsakten, Sparbüchern und Verträgen wollen sie sich dem Rätsel ihrer Herkunft annähern.

Die Schaltzentrale der forschenden Lebensborn-Kinder verbirgt sich in einem Häuschen mit Erker und Vorgarten am Ostrand von Bremen. Seit zehn Jahren sammelt eine Dame mit ergrautem Haar dort Formulare und Schwarzweißfotos: Ingrid Schmidt - auch sie heißt in Wahrheit anders, auch sie kam in einem Lebensborn-Heim zur Welt.

Auf dem Esstisch liegt neben der Kaffeetasse ein prall gefüllter Aktenordner, in dem die Seniorin mit dem blauen Rollkragenpullover und der goldumrandeten Brille hektisch blättert. Wie viele Lebensborn-Kinder weiß auch die 70-Jährige bis heute nicht, wo genau sie ihre ersten Lebensjahre verbrachte. Sie recherchiert deshalb schon seit Jahren - auf der Suche nach etwas mehr Gewissheit.

Sparbücher in Holzkisten im Keller

Ein wichtiges Puzzleteil bei diesen Recherchen sind auch hier die Sparbücher. Dass davon kürzlich Hunderte aufgetaucht sind, ist ein echter Glücksfall: Im November 2012 hatten einige Lebensborn-Kinder zufällig von den Recherchen eines französischen Journalisten erfahren, der bei Nachforschungen in München auf zwei Holzkisten voll merkwürdiger Sparbücher gestoßen war. Statt Namen der Besitzer fand er darin nur den Vermerk „verfügungsberechtigt Lebensborn e.V.“ Daraufhin schickten die Lebensborn-Kinder um Ingrid Schmidt und der Verein „Lebensspuren“ mehrere Gesandte mit Dutzenden Vollmachten in die bayerische Landeshauptstadt.

Dort trafen sie Eva Eberwein. Die Juristin ist bei der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) im Erzbistum München-Freising zuständig für jene Holzkisten im Keller des kirchlichen Sozialträgers. Von Eberwein erfuhren die Lebensborn-Kinder, dass im Archiv der KJF tatsächlich noch 414 Lebensborn-Sparbücher lagerten. Gesamtwert: mehr als 57.000 Euro.

Für Eberwein ist es eine Verkettung von Zufällen, dass sie heute für dieses Geld zuständig ist. Denn die Katholische Jugendfürsorge, darauf legt sie Wert, „hatte vor 1945 absolut nichts mit dieser Nazi-Organisation zu tun“. Erst nach dem Krieg hätten die amerikanischen Besatzer die Sparbücher der KJF übergeben. Dort war fortan ein Mann namens Andreas Fendt für die Bankkonten zuständig. Seine Aufgabe: Er sollte rechtmäßigen Besitzern auf Anfrage die Bücher zurückgeben, bevor das Geld nach 30 Jahren automatisch an den Freistaat Bayern fallen würde.

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