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Landgericht Dresden : Lebenslang für Mörder von 17 Jahre alter Anneli

  • -Aktualisiert am

Die Angeklagten Norbert K. (links) und Markus B. (rechts) müssen lange in Haft (Bild vom 23. Juni 2016). Bild: Imago

Im August 2015 entführen zwei Männer die Unternehmertochter Anneli-Marie. Tage später wurde sie tot gefunden. Ein Gericht hat die Angeklagten nun verurteilt.

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          Der Andrang im Landgericht Dresden am letzten Verhandlungstag im Fall der entführten und ermordeten Unternehmertochter Anneli-Marie ist riesig. Und die Vorsitzende Richterin Birgit Wiegand nutzt die Gelegenheit, um der Öffentlichkeit ins Gewissen zu reden. Zunächst aber verliest sie das Urteil gegen die Angeklagten, beide wegen Mordes in Tateinheit mit erpresserischem Menschenraub mit Todesfolge angeklagt. Der Haupttäter, der 40 Jahre alte Markus B., muss lebenslang in Haft, darüber hinaus stellt die Schwurgerichtskammer bei ihm eine besondere Schwere der Schuld fest. Sein Komplize, der 62 Jahre alte Norbert K., erhält achteinhalb Jahre Gefängnis.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Nach Überzeugung der Kammer entführten die Verurteilten die Siebzehnjährige am 13. August 2015 in der Nähe ihres Elternhauses auf einem Feldweg bei Meißen, um 1,2 Millionen Euro Lösegeld zu erpressen. Laut Zeugen hatte der mit mehr als 500.000 Euro verschuldete Haupttäter Markus B. das Grundstück und die Gewohnheiten der Familie Tage zuvor ausspioniert und sich in einer örtlichen Apotheke Äther sowie in einem Baumarkt Kabelbinder besorgt, um sein Opfer zu betäuben und zu fesseln. Eine Woche vor der Tat weihte er K. ein. Sie scheiterten, weil es keinen Plan zur Geldübergabe gab. Beide Täter waren nicht maskiert und mussten fürchten, dass sie entdeckt werden – das ist nach Überzeugung des Gerichts der Grund, weshalb die Gymnasiastin sterben musste.

          In ihrer ausführlichen Urteilsbegründung zeichnet Richterin Wiegand noch einmal das Leben der Täter nach, das die Kammer in 13 Verhandlungstagen mühsam anhand zahlreicher Zeugen rekonstruieren musste. B., der in Pforzheim als jüngstes von sechs Kindern in einfachen Verhältnissen aufwuchs, hat weder einen Schulabschluss noch eine abgeschlossene Ausbildung, schlug sich schon seit frühester Jugend mit Betrügereien durchs Leben und saß schon einmal gut ein Jahr in Haft. Seine kriminelle Karriere wurde erst unterbrochen, als er heiratete und mit seiner Frau zwei Söhne bekam. Die Familie litt keine finanzielle Not, aber B. glaubte, dass ihm mehr zustünde, und erwarb ein Haus – ohne Geld zu besitzen.

          Ein Mordmotiv sah die Kammer auch beim Komplizen

          Spätestens jetzt, so die Richterin, hätte er seiner Frau reinen Wein einschenken müssen, dass er kein Erbe zu erwarten habe und mittellos sei, aber den Mut habe er nicht aufgebracht. Stattdessen erpresste er wenige Wochen vor der Entführung Annelis den Lebensmitteldiscounter Lidl – ebenfalls um 1,2Millionen Euro und ebenfalls ohne Plan zur Geldübergabe.

          K. hingegen ging 62 Jahre lang unbescholten durchs Leben. Er hat einen Schulabschluss und absolvierte eine Försterausbildung, arbeitete lange als Florist und lebte zuletzt von Hartz IV; er hatte Schulden in niedriger fünfstelliger Höhe. Ihm soll B. 400.000 Euro des Lösegeldes in Aussicht gestellt haben, was K. in der Vernehmung bei der Polizei abstritt. Die Kammer aber glaubte das nicht. Er habe sich entschlossen, bei der Sache mitzumachen, so die Richterin. Dabei hätte er ohne Probleme ablehnen, ja sogar jederzeit aussteigen, anonym die Polizei informieren und damit Annelis Leben retten können. Ein Mordmotiv sah die Kammer auch bei K., der ebenfalls die Entdeckung fürchten musste. Den Mord selbst aber schrieb sie B. zu, dessen DNA-Spuren sowie Google-Suchen („Perfekte Gelderpressung“, „Wie lange betäubt Äther“, „Ersticken wie lange dauert das“) ihn eindeutig überführten.

          Beide Täter nehmen das Urteil auf, wie sie der Verhandlung gefolgt waren: stumm, ausdruckslos, mit gesenktem Kopf. „Beide Angeklagte waren extrem feige“, sagt die Richterin, die zugleich der ehemaligen Frau sowie der einstigen Schwiegermutter B.s Respekt zollt. Sie hätten die Aussagen verweigern können. „Beide haben mit der Tat nichts zu tun, aber sie haben die Aussage auf sich genommen, auch weil sie mit aufklären und den Eltern ihre Anteilnahme ausdrücken wollten.“

          „Wir haben keine Todesstrafe, und wir wollen sie auch nicht“

          Hart geht die Richterin dagegen mit der Öffentlichkeit ins Gericht. Immer wieder sei während des Prozesses im Internet und auch im Saal am Sinn der langen Verhandlung gezweifelt, die Verteidigung attackiert und die Todesstrafe gefordert worden. „Wir sind hier ausschließlich dafür da, ganz individuell Schuld festzustellen“, sagt Wiegand. „Wir haben keine Todesstrafe, und wir wollen sie auch nicht.“ Keine Strafe der Welt bringe Anneli wieder zurück. Wiegand dankt den Verteidigern der Angeklagten für eine faire Verhandlung. Die Verteidigung sei eine Errungenschaft unserer Gesellschaft und dürfe unter keinen Umständen infrage gestellt werden.

          Für die Eltern und die beiden Geschwister Annelis, die auch an diesem Tag wieder im Saal sind, bleiben viele Fragen. Immer wieder hat der Vater an die Täter appelliert, endlich zu reden. Der Kammer sei bewusst, wie sehr die Familie unter der Tat leide, sagt die Richterin. Es sei schrecklich, wenn Eltern ein Kind verlören, noch dazu durch so eine „absolut sinnlose und absolut dilettantische Vorgehensweise“.

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