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Landesgartenschau in Schwäbisch Gmünd : Eine Stadt blüht auf

Blick von oben: Die Landesgartenschau 2014 in Schwäbisch Gmünd Bild: dpa

Graue Häuserfassaden verschwinden, die Bäche plätschern. Kurzum: Die Attraktivität Schwäbisch Gmünds steigt. Die Stadt und ihr Oberbürgermeister zeigen, wozu eine Landesgartenschau taugen kann.

          3 Min.

          Vom Ruß grau gewordene Fassaden, blinde Fenster und regelmäßig Staus. Das sind die Bilder, die der Durchreisende, ob er mit der Bahn oder mit dem Auto unterwegs war, von Schwäbisch Gmünd im Kopf behielt. Seit Ende des vergangenen Jahres führt nun ein vier Kilometer langer Bundesstraßentunnel unter der Stadt hindurch. Wo viele Jahre jeden Tag 50.000 Autos ihre Abgase ausstießen, stehen nun Strandkörbe, perlt der Prosecco in den Gläsern der Gmünder, plätschern die Rems und der Josefsbach friedlich vor sich hin. In der neugeschaffenen Gmünder Parkanlage leuchtet die metallisch glänzende Alu-Lochfassade des Forums „Gold und Silber“. Die Außenhaut des Gebäudes erinnert an die Fassade der Hamburger Elbphilharmonie.

          „Der Unterschied ist, wir sind fertig“

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Bei diesem Vergleich muss Richard Arnold, der Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd, lachen. „Der Unterschied ist nur, wir sind fertig“, sagt er. Ganz so teuer war der schwäbische Stadtumbau auch nicht: 38,6 Millionen Euro investierte die Stadt, 25 Millionen Euro gaben Bund und Land. 280 Millionen Euro kostete der Einhorntunnel, der wahrscheinlich der teuerste seiner Art ist. 120 Millionen Euro kamen von privaten Investoren, angezogen von der Attraktivität des Projekts.

          Erste Planungen für den Tunnel und die städtebauliche Neuerfindung der ältesten Stauferstadt gab es schon vor 30 Jahren. Zehn Jahre haben die Bauarbeiten gedauert. Seit dem Frühling ist alles fertig, und die Stadt feiert sich mit der Landesgartenschau. 600.000 Besucher seit Ende April sind eine kleine Sensation. Oberbürgermeister Arnold ist gerade nur noch als oberster Conférencier seiner Stadt unterwegs. Arnold eröffnet erst das Barockfestival, springt kurze Zeit später auf eine Bank in der Landesgartenschau und begrüßt Gäste aus den Umlandgemeinden im breitesten Schwäbisch: „Ihr könnt so viel essen wie ihr wollet, nur spenden müsst ihr!“

          Den Teufelskreis durchbrechen

          Landesgartenschauen stehen häufig im Ruf, nicht mehr zu sein als teure Beschäftigungstherapien für Landfrauenvereine. In Schwäbisch Gmünd scheint das anders: Die meisten Projekte sollen die Stadt dauerhaft bereichern. Mit dem Flusspark an der Rems holten die Stadtplaner die Natur in die Stadt zurück. „Erdenreich“ nennen sie diesen Teil der Landesgartenschau. Dann legten sie einen Waldlehrpfad an („Himmelsleiter“). Er verbindet den neuen Stadtgarten mit einem Höhengarten. Von einem Turm blickt man kilometerweit ins Remstal.

          Zu schaffen war das nur, weil die Gmünder Bürger spendeten und, wann immer der Oberbürgermeister das wollte, auch mal Spaten und Schaufel in die Hand nahmen, etwa bei der Sanierung der Salvator-Wallfahrtskapelle. „Wir befanden uns in einem Teufelskreislauf“, sagt Arnold, „die Stadt wurde immer unattraktiver, die Leute zogen nach Mutlangen oder in andere Vororte, weil sie dort billig bauen konnten, das mussten wir durchbrechen.“

          Die Stadt mit 60.000 Einwohnern wird wegen ihrer zahlreichen Klöster traditionell als „Schwäbisch Nazareth“ verspottet. Die Baumeister des Prager Veitsdoms wirkten einst auch am Gmünder Münster mit. Das katholische Gmünd war wirtschaftlich lange vom Kunstgewerbe und vom Gold- und Silberhandwerk geprägt. Wenn der Papst die Gläubigen aufforderte, den Rosenkranz zu beten, florierten in Gmünd die Geschäfte. Denn im Talkessel der schwäbischen Stadt gab es viele Rosenkranz-Hersteller.

          Liberal, unkonventionell, homosexuell

          Heute nimmt Gmünd nur 27 Millionen Euro Gewerbesteuern ein. Für die Stadt ist es lebenswichtig, eine lebendige Bürgergesellschaft und damit Einkommensteuerzahler zu haben. Arnold wird deshalb nicht müde, Einwanderungspolitik und Asylgesetzgebung zu kritisieren. Im Remspark begrüßt Arnold den Asylbewerber Farahrd. „Der junge Mann kommt aus Afghanistan, der würde hier gerne eine Schneiderei übernehmen, weil er ein sehr guter Schneider ist. Stattdessen zahlt unser Staat ihm 320 Euro, damit er im Zimmer bleibt.“

          Arnold ist mit seinen 55 Jahren ein neuer Oberbürgermeister-Typus der CDU. Liberal, unkonventionell, homosexuell. Als er das erste Mal kandidieren wollte, hieß es noch: „Du hast keine zwei Kinder und keine Frau.“ 2009 führte an Arnold, der in Gmünd geboren ist und früher die baden-württembergische Landesvertretung in Brüssel leitete, kein Weg mehr vorbei.

          Im Höhenpark haben die Bürger mit Spenden einen Aussichtsturm gebaut und ihn „Himmelsstürmer“ genannt. Arnold nimmt die letzten 20 der 209 Stufen. „Wenn ich eine Landesgartenschau mache, dann habe ich ganz andere Möglichkeiten, zum Beispiel wären wir ohne nie in das Bahnhofssanierungsprogramm der Bahn aufgenommen worden.“ Schwäbisch Gmünd hat 100 Millionen Euro Schulden. Richard Arnold hat noch einiges vor mit seiner Stadt, und er würde wohl auch nicht nein sagen, wenn man ihn mal in einer Landesregierung in Stuttgart braucht.

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