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Auschwitz-Prozess : „Das waren Überzeugungstäter“

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Synonym des Holocausts: Kommission des Frankfurter Schwurgerichts in Auschwitz Bild: Ullstein

Ein Kinofilm erzählt jetzt die Geschichte des Auschwitz-Prozesses aus den frühen Sechzigern. Peter Kalb, geboren 1941, betreute damals die Zeugen; Alexander Fehling, Jahrgang 1981, spielt im Film einen Staatsanwalt. Ein Gespräch über den Umgang mit der Hölle.

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          Am 20. Dezember 1963 standen in Frankfurt 22 unauffällige ältere Herren vor Gericht, um sich für das zu verantworten, was sie 20 Jahre zuvor im Vernichtungslager Auschwitz getan hatten. Der erste Frankfurter Auschwitzprozess sollte anderthalb Jahre dauern und erstmals einer breiten Öffentlichkeit die Verbrechen der Judenvernichtung vor Augen führen.

          Dass der Prozess überhaupt zustande kam, war vor allem dem Zufall zu verdanken – Ende der fünfziger Jahre flogen mehrere frühere SS-Männer aus Auschwitz auf, die unbehelligt in der Bundesrepublik gelebt hatten – und dem damaligen Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der den Prozess gegen alle Widerstände durchgesetzt hatte.

          Nun erzählt ein Film, „Im Labyrinth des Schweigens“, die Geschichte der Staatsanwälte, die in der jungen Bundesrepublik das größte Menschheitsverbrechen vor Gericht stellen wollten; die Mehrheit der Deutschen hätte damals lieber den Schleier des Vergessens über die Zeit vor 1945 gelegt. Möglichst nah an den historischen Tatsachen werden die Ereignisse aus der Perspektive des (fiktiven) jungen Staatsanwaltes Johann Radmann nachgezeichnet.

          Alexander Fehling, Jahrgang 1981, der diese Rolle spielt, war schon in Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“ (2009) in einer Nebenrolle zu sehen. Einem breiteren Publikum wurde er durch den Film „Goethe!“ (2010) bekannt. Sein erster Kinofilm „Am Ende kommen Touristen“ (2007) drehte sich auch schon um das Thema Auschwitz; damals spielte er einen deutschen Zivi, der in der Gedenkstätte des Lagers mit der Banalisierung der Erinnerung konfrontiert ist.

          Peter Kalb, Jahrgang 1942, betreute als junger Student mit ein paar älteren Damen die Zeugen im Frankfurter Auschwitzprozess. Viele Überlebende kamen damals, fast 20 Jahre nach der Befreiung des Lagers, zum ersten Mal ins Land der Täter, um im Gerichtssaal ihren Peinigern gegenüberzutreten und sich ihrer Erinnerung zu stellen. Sein größter Vorzug, sagt Kalb heute, sei seine Jugend gewesen; denn bei ihm brauchten die Überlebenden sich nicht zu fragen, was der nette Deutsche wohl vor 1945 gemacht habe.

          „Im Labyrinth des Schweigens“ ist ein Film über die Vorgeschichte des Auschwitzprozesses. Vor allem aber ist es ein Porträt der Bundesrepublik in den späten Fünfzigern, als sich niemand mit der dunklen Vergangenheit beschäftigen wollte. Haben Sie die Zeit im Film wiedererkannt, Herr Kalb?

          Kalb: In dem Alter, in dem ich damals war, habe ich mich nicht so sehr für die gesellschaftlichen Zusammenhänge interessiert. Ich war naiv und wahrscheinlich politisch etwas unterbelichtet. Man hat sich sicher über bestimmte Sachen geärgert, aber den Zeitgeist als solchen erkennt man erst im Nachhinein: das gesellschaftliche Klima, dass eine Frau keinen Arbeitsvertrag ohne die Einwilligung des Mannes unterschreiben durfte, dass es den Kuppeleiparagraphen noch gab.

          Damals hat sich das alles langsam aufgelöst. Aber das war für mich eine normale Entwicklung, ich hab’ das nicht von außen angeguckt und mit dem Kopf geschüttelt. Im Film gibt es diese Szene von der Verhaftung von dem Mulka ...

          Dem Hauptangeklagten, dem früheren Adjutanten des Lagerkommandanten ...

          Der feine Herr, der die Polizisten erst mal von oben wegputzt. Er hatte eben einen höheren Dienstgrad. So habe ich mir das auch schon vorher vorgestellt. Mulka hat später immer wieder das gleiche Verhalten an den Tag gelegt. Und er hat alles geleugnet und gesagt: Ich hab’ da nichts mit zu tun gehabt. Die gute Gesellschaft aber, die hat das damals nach außen alles schön geglättet.

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