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Kulturhauptstadt San Sebastián : Europas Geschenk für die Bildu-Basken

  • -Aktualisiert am

Kulturhauptstadt mit Strand: San Sebastián Bild: AFP

Keine Frage, San Sebastián hat einiges zu bieten: Strand, Kultur, ein Jazzfestival. Dass die Schöne aus dem Norden den Zuschlag als Kulturhauptstadt 2016 bekam, sorgt im übrigen Spanien dennoch für Verwunderung.

          Als eine der ersten Amtshandlungen hängte Juan Carlos Izagirre, der neue Bürgermeister San Sebastiáns, im Rathaus das Porträt von König Juan Carlos I. ab. „Das Bild repräsentiert diese Stadt nicht“, sagte der Baske über den spanischen Monarchen. Nun repräsentieren unversehens er und diese Stadt ganz Spanien in Europa. Wider Erwarten hat die Schöne aus dem Norden nun – neben Breslau – den Zuschlag bekommen als europäische Kulturhauptstadt 2016.

          Bürgermeister Izagirre, der bis vor kurzem nicht wusste, ob ihm das Projekt überhaupt gefällt, reagierte dann doch höchst erfreut. Er umarmte in Madrid seinen bei den Kommunalwahlen im Mai geschlagenen sozialistischen Vorgänger Odón Elorza, der für das gut präsentierte Projekt gekämpft hatte – und nun sagte, es sei bestimmt nützlich für die „politische Normalisierung im Baskenland“.

          Wurde der Bock zum Gärtner gemacht?

          Damit war das Stichwort gefallen, denn auch die Jury – sieben Mitglieder aus EU-Institutionen, sechs aus dem spanischen Kultusministerium – hatten hier Kultur mit Politik und guten Absichten vermischt. Der österreichische Vorsitzende Manfred Gaulhofer wies bei der Bekanntgabe sogar darauf hin, dass die Entscheidung für San Sebastián (und gegen Burgos, Córdoba, Las Palmas, Segovia und Saragossa) dabei helfen könne, die örtliche „Geschichte der Gewalt“ zu überwinden.

          Feuer bei Nacht: Anlass ist San Juan

          Die Frage indes, die sich am Mittwoch das restliche Spanien stellte: ob hier nicht der Bock zum Gärtner gemacht wurde. Bürgermeister Izagirre ist nämlich ein politisches Geschöpf der radikal-nationalistischen baskischen Gruppierung Bildu (Versammlung). Sie wurde kurz vor den Wahlen noch aus Gründen des politischen Opportunismus vom spanischen Verfassungsgericht legalisiert, ist aber personell wie programmatisch nicht von der verbotenen Batasuna-Partei, dem politischen Arm der Terrororganisation Eta, zu unterscheiden.

          Die Positionen von Bildu sind mehr als fragwürdig

          Seit Bildu in mehr als 100 Rathäuser des spanischen Baskenlandes eingezogen ist und als Kronjuwel sogar San Sebastián erobern konnte, hat sich dort die Atmosphäre nicht gerade aufgeheitert. Bildu und auch Izagirre haben bislang mit keinem Wort Eta kritisiert, ihre Auflösung verlangt oder sich gar mit den – in San Sebastián besonders zahlreichen – Opfern der Bande solidarisiert. Im Gegenteil: Da wurde der König abgehängt, die spanische Fahne eingezogen, die Freilassung inhaftierter „Etarras“ verlangt, den Leibwächtern bedrohter Stadträte aus anderen Parteien der Zugang ins Rathaus verwehrt und das alte Vokabular von dem „baskischen Konflikt“, der „Selbstbestimmung“ und Unabhängigkeit aus der propagandistischen Mottenkiste geholt.

          Izagirre konnte gar nicht wissen, ob er für oder gegen die Kulturhauptstadt war, weil Eta sich trotz skeptischem Geraune im Hintergrund nicht klar geäußert hatte. Nun scheint aber die Schattenwelt der „patriotischen Linken“, wie sich Bildu und ihre Sympathisanten nennen, die Vorteile des europäischen Geschenks erkannt zu haben. Es geht schließlich um viel Geld. Fast 100 Millionen Euro werden aus regionalen, spanischen und europäischen Kassen nach San Sebastián fließen. Und was noch wichtiger ist: Die wiedergeborenen „Batasunos“ haben ein unverhofftes Instrument in die Hand bekommen, sich in Europa zu legitimieren und daheim notfalls ohne Reue und Wiedergutmachung für mehr als 800 Morde in 40 Jahren politisches „business as usual“ zu betreiben.

          Eine Ehre für nicht getane Arbeit

          Unter Odón Elorza, dem langjährigen Bürgermeister und Freund seiner deutschen Partnerstadt Wiesbaden, wäre das „Versöhnungsprogramm“ der Kulturhauptstadt gewiss anders ausgefallen, näher an der baskischen Wirklichkeit. Bei Bildu, die mehr für Täter als für deren Opfer übrig zu haben scheint, wird hingegen zu beobachten sein, was sie aus dem politischen und finanziellen Vorschuss macht.

          San Sebastián, die klassische Sommerfrische der spanischen Könige, ist eine der anmutigsten Städte des Landes mit einem vitalen Kulturleben und reichhaltigen Angeboten von Filmfestspielen bis zum Jazzfestival. Die neue Kulturhauptstadt war jedoch auch ein Terrorpflaster, wo Polizisten, Politiker, Richter und Journalisten umgebracht wurden und sich mancher erpresste Unternehmer noch immer nicht ohne Eskorte aus dem Hause traut.

          Weil Bildu und Izagirre noch nicht den Mut hatten, sich von alledem zu distanzieren, ist die Ehre eine frühe Belohnung für nicht getane Taten. Rosa Aguilar, die ehemalige kommunistische Bürgermeisterin von Córdoba, hält die Entscheidung daher für einen „schweren Irrtum“, der sozialistische Bürgermeister von Saragossa, Juan Alberto Belloch, für einen „totalen Unsinn“. Sind sie nur schlechte Verlierer?

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