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Künstler in Bagdad : Von der Kunst zu überleben

Ort der Ruhe in einem mörderischen Bagdad: Qasim al Sabti (rechts) mit Freunden im Innenhof seiner Galerie Bild: Rainer Hermann

Bagdads Künstler treffen sich gern in der Galerie des Malers Qasim al Sabti nahe der türkischen Botschaft. Sie haben es schwer, auch neun Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins.

          3 Min.

          Jeden Morgen treffen sie sich im Innenhof von Qasim al Sabtis Galerie „Hewar“ - seit zwei Jahrzehnten. Wohin sonst sollten die wichtigsten Künstler Bagdads gehen? Einen anderen öffentlichen Raum als den Innenhof bietet die irakische Hauptstadt auch im neunten Jahr nach dem Sturz Saddam Husseins nicht. „Hewar“ heißt Dialog. Und wirklich tauschen sie sich hier jeden Morgen aus, die Maler und Bildhauer, die Dramaturgen, Romanciers und Poeten, die Professoren an der Hochschule für die schönen Künste und die Kritiker aus den Medien.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Hier können sie ungestört vom unberechenbaren Alltag Bagdads zusammenkommen. Die Straße im Stadtteil Waziriya führt auf die türkische Botschaft zu. Wer zu Qasim al Sabti will, muss zwei Straßensperren passieren. Die Sicherheitsleute weisen manchen Besucher zurück. Das treibt den Maler, der sich von Uniformen und Diplomatenpässen nicht einschüchtern lässt, zur Weißglut. Sich in Bagdad zu bewegen ist weiter gefährlich. Gerade unterhalten wir uns darüber, ob die Nähe der türkischen Botschaft Sicherheit bringt oder Gefahr birgt - da detoniert nicht weit entfernt eine Mörsergranate. Wenig später der zweite dumpfe Einschlag, dann ein dritter. Das Ziel: Die wenige hundert Meter entfernt liegende Botschaft der Türkei.

          Kaufkraft und Verständnis fehlen

          Qasim al Sabti gründete seine Galerie, als die Vereinten Nationen nach dem irakischen Überfall auf Kuweit im Jahr 1991 ein Embargo gegen den Irak verhängten. Der 1953 geborene charismatische Künstler Sabti, der bekannteste Maler des Irak, wollte den Künstlern unter der Diktatur Saddam Husseins einen Treffpunkt bieten und einen Ort, an dem sie ihre Werke ausstellen konnten. Das Regime subventionierte nur noch Maler, die den Diktator als Helden zeigten.

          Auch an diesem sonnigen Wintermorgen sitzen sie zusammen, diskutieren über Kunst, spielen Tawla oder trinken einfach nur Tee oder essen. Mit Hunger geht von hier keiner weg. Entweder kocht Sabti oder seine Frau. „Wann immer einer von uns etwas verkauft, gibt er ein Essen aus“, sagt Sabti. Am meisten verkauft der Gastgeber selbst. Im vergangenen Jahr hatte er Ausstellungen in New York und Tokio. Kein einziges Bild blieb ohne Abnehmer. Im April wird er in Qatar ausstellen, für den Herbst ist eine Ausstellung in Berlin geplant. Zu Hause im Irak findet er kaum Käufer. Die Kaufkraft fehlt, auch das Verständnis für seine abstrakte Kunst. Allerdings: Als nach dem Anschlag auf das irakische Außenministerium im August 2009 das Gebäude wiederhergestellt war, kam Außenminister Hoshyar Zebari in die Galerie und kaufte nicht weniger als 50 Bilder.

          Kultur rangiert weit unten

          „Das Beste ist aber“, sagt Sabti, „dass wir nach den Jahren der Sanktionen und der Besatzung noch leben.“ Viele irakische Künstler sind ausgewandert, viele wandern noch aus. „Erst haben uns die Amerikaner besetzt, nun die Iraner“, klagt der Maler. Viel Geld gebe die Regierung für religiöse Feiern aus, die Kunst unterstütze sie nicht. Die Regierung bezuschusse keine Ausstellungen, das verwüstete Nationaltheater sei noch immer nicht instand gesetzt. Geld hatte die Regierung aber, um 10.000 Husseiniyas zu bauen, Gebetsstätten für schiitische Muslime. „Würde ich ihnen sagen, dass ich diese Galerie in eine Husseiniya umbaue - ich bekäme sofort Geld.“

          Die Kultur rangiert weit unten. Dabei wäre das Kulturministerium für das Land wichtiger als das Verteidigungsministerium, sinniert der Künstler. Die Kultur baue ein Land auf, nicht das Militär. Neben ihn setzt sich der Dramaturg Taha Salem. Der heute 81 Jahre alte Kommunist war unter Saddam Hussein immer wieder im Gefängnis. Vor 40 Jahren hatte er ein „Nadschma“ genanntes Theaterstück geschrieben, in dem er die arabischen Diktaturen geißelte. Mit seinen schwach gewordenen Händen überreicht er es dem Gast. Dann ergänzt er, dass er sich freue, nun endlich die Aufstände in der arabischen Welt erleben zu dürfen.

          Mittelpunkt des Kreises bleibt die Galerie

          Der Fernsehjournalist Bashir Abdalhadi war einer der Organisatoren der Kundgebungen in Bagdad, die im Februar immerhin 15.000 Menschen auf die Straße brachten. Sabti widerspricht ihm. Nein, er glaube nicht, dass sich im Irak durch Demonstrationen etwas verändern lasse. Wer demonstriere, werde auf Videos aufgenommen und später im eigenen Haus als „Terrorist“ verhaftet, wie der Filmemacher und Menschenrechtler Hadi Abdalmahdi, der im September in seinem Haus erschossen worden sei.

          Sabti bringt seine Kritik in den Bildern unter. In seiner jetzigen Schaffensphase sammelt er Bücher, die er auf der Straße findet und die arglos weggeworfen wurden. Er verarbeitet sie zu abstrakten Collagen, mit denen er seinen meist traditionell arbeitenden Kollegen um Lichtjahre voraus ist. Er setzt sich dennoch unermüdlich für sie ein. Als Vorsitzender des Dachverbands der „Hohen Kommission für Kulturorganisation“, der zehn Künstlerverbände angehören, hat er im vergangenen Jahr auch ohne staatliche Hilfe im ganzen Irak 30 Ausstellungen organisiert. Der natürliche Mittelpunkt des Kreises bleibt aber seine Galerie an der Straße, die auf die türkische Botschaft zuführt.

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