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Textilproduktion : Die Zeit der Freiwilligkeit ist vorbei

  • -Aktualisiert am

Arbeiterin in einer Textilfabrik im Südosten Chinas Bild: dpa

Die Einhaltung der Menschenrechte ist in der Textilbranche nach wie vor nicht gewährleistet. Daher muss die Europäische Union Standards in der Textilproduktion einfordern. Ein Gastbeitrag.

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          Der globale Wanderzirkus der Textilproduktion zieht weiter in Richtung niedrige Löhne. Nach einigen politischen Reformschritten in Burma wird jetzt auch dort investiert und produziert. Die reichen Eigentümer chinesischer Fabriken leiden zu Hause unter Auftragsmangel und setzen ihre Gewinne nun in Burma für den Neuaufbau ein.

          Denn in China sind die Lohnkosten gestiegen. Die Löhne für qualifizierte Näherinnen („Leichtlohngruppen“) liegen jetzt bei 375 bis 400 Dollar. Bei VW in Schanghai werden in der Produktion bis zu 1200 Dollar gezahlt. Ein Mangel an Arbeitskräften in der Textilindustrie und Auftragsrückgänge sind die Folge. So konnte ich vor kurzem bei der Besichtigung zweier Textilfabriken in der Nähe von Schanghai (in Zhuji für T-Shirts etc. und in Yiwu für Sportunterwäsche) sehen, dass gut ein Viertel der Stühle an den Nähmaschinen und Schneidetischen nicht besetzt war.

          Die Reise fand nach der Präsentation des „Bündnisses für nachhaltige Textilien“ durch Bundesminister Gerd Müller statt. Die großen Produzenten und Verbände der Textilindustrie, des Einzelhandels und der Mode traten diesem Bündnis nicht bei. Aus Ignoranz gegenüber den Forderungen nach fairen Arbeitsbedingungen und Umweltverträglichkeit? Oder war das Bündnis zum Scheitern verurteilt?

          Versprochen hatte der Minister ein freiwilliges deutsches Textilsiegel innerhalb eines Jahres. Das Ziel verschwand auf wundersame Weise aus der Kommunikation, wohl weil von allen Seiten Zweifel an der Freiwilligkeit, der schnellen Machbarkeit und der Sinnhaftigkeit eines Textilsiegels nur für den deutschen Markt - statt für den europäischen - geäußert wurden.

          Ein langer Weg bis zum fertigen Pullover

          Der Aktionsplan selbst liest sich erst mal beeindruckend. Es geht dabei um viele Kriterien, um globale Prozesse und einen langen Zeithorizont. Die vorschnelle Ankündigung, innerhalb eines Jahres das freiwillige nationale Textilsiegel, also quasi einen „Grünen Knopf“, einzuführen, der als Orientierung für die Konsumenten dient, scheint da absurd.

          Nehmen wir das Bild eines kompliziert gestrickten Pullovers: Seine Rohstoffe kommen aus verschiedenen Ländern, in denen es keine demokratischen Prozesse gibt und Menschenrechte nicht gewahrt werden. Kinderarbeit, sklavereiähnliche Arbeitsbedingungen oder ökologische Verwüstungen sind bei der Rohstoffgewinnung keine Seltenheit. Möglichkeiten zur Rückverfolgung beim Handel existieren nicht, Herstellerangaben sind kaum zu kontrollieren. Die weitere Verarbeitung, das Färben, Stricken und Nähen, geschieht in Ländern, in denen die Eliten oft kein Interesse an Brand-, Arbeits- und Umweltschutz haben - und auch nicht an der Erhöhung gesetzlicher Mindestlöhne.

          Die Produktionsprozesse vom Rohstoff bis zur letzten Fertigungsstufe sind lang und komplex. Wie also ribbeln wir den Pullover am besten auf, damit seine Herstellung als fair und gesund bezeichnet werden kann? Gibt es dafür Vorbilder? Sicherlich gibt es Muster bei der ökologischen Produktion (etwa GOTS und IFOAM) oder bei der Baumwolle. Aber das sind (noch) keine Strukturen, die einen Rahmen für die globalen Konzerne setzen. Und auf die kommt es an, wenn eine relevante Veränderung in der Produktion erreicht werden soll.

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