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Kuba verbietet Herrenduft : Stunk um Revolutionsdüfte

Viel Streit um diese beiden Parfums aus Kuba Bild: AP

Der herbe, holzige „Ernesto“ und der weichere „Hugo“ mit einem Hauch von Mango: Ein kubanischer Parfumhersteller wollte mit neuen Düften zwei lateinamerikanischen Symbolgestalten huldigen. Bei der kommunistischen Führung des Landes kam die Idee nicht gut an.

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          Kuba ist am Wochenende in eine schwere Duftnotenkrise geraten. Deren Folgen sind noch nicht absehbar. Zumal für leitende Angestellte des Staatsunternehmens Labiofam. Gegen diese würden wegen eines „schweren Irrtums“ die „entsprechenden disziplinarischen Maßnahmen“ ergriffen, heißt es in einer ominösen Mitteilung des allmächtigen Exekutivkomitees des Ministerrates auf der Titelseite der Parteizeitung „Granma“ vom Samstag. Vorsitzender des Exekutivkomitees ist Staats- und Parteichef Raúl Castro.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Von dem Donnerwetter dürften die übereifrigen Duftentwickler um Labiofam-Forschungsdirektor Mario Valdes überrascht gewesen sein. Zum Abschluss eines viertägigen Firmentreffens hatten Valdes und seine Leute am Donnerstag zwei neue Herrendüfte vorgestellt: „Ernesto“ und „Hugo“. Weil Ernesto „Che“ Guevara (1928 bis 1967), aus Argentinien stammender kubanischer Revolutionsführer der ersten Stunde an der Seite von Fidel und Raúl Castro, sowie der Anfang März 2013 im Alter von 58 Jahren an Krebs gestorbene venezolanische Präsident Hugo Chávez „totalen Respekt und totale Ehre“ verdienten, habe man sich für diese Namensgebung entschieden. Die neuen Duftwässer seien von sich aus schon „sehr attraktiv“, aber auch deren Namen „bedeuten uns sehr viel“, verlautbarte die stellvertretende Forschungsdirektorin Isabel Gonzalez.

          Herrenparfums mit natürlichen Aromen

          Die neuen Herrenparfums aus Havanna wurden mit natürlichen Aromen entwickelt, die von dem französischen Unternehmen Robertet aus Grasse, der „Welthauptstadt“ feiner Düfte in Südfrankreich, geliefert worden waren. „Ein neues Parfum zu entwickeln ist wie ein Kunstwerk zu schaffen, an dem man Monate und Jahre arbeitet“, schwärmte Valdes noch am Donnerstag. Probanden hätten sich begeistert gezeigt von den beiden neuen Düften, versicherte Valdes. „Ernesto“ sei ein herber, „holziger und erfrischender Zitrusduft mit Noten von Talkumpuder“. Beim weicheren „Hugo“ dagegen würden fruchtige Aromen dominieren, „mit einem Hauch von Mango und Papaya“.

          Die Vermarktung auf Kuba und in aller Welt war für Anfang kommenden Jahres geplant. Doch nun sollen die ganze Arbeit und der ganze Enthusiasmus umsonst gewesen sein. Und die Welt wird niemals „Ernesto“ und „Hugo“ zu riechen bekommen. In der harschen Mitteilung der kommunistischen Exekutivkomitees heißt es, anders als von Labiofam behauptet seien die Familien Guevara und Chávez niemals befragt worden, ob sie mit der Namensgebung für die revolutionären Parfums einverstanden seien. Viel schwerer aber wiege, dass Symbolgestalten wie Ernesto „Che“ Guevara und Hugo Chávez „heilig sind, gestern, heute und für immer“.

          Andere Düfte tragen auch kubanische Namen

          Deshalb würden „Initiativen dieser Art“, wie sie von Labiofam angestrengt worden seien, „weder vom Volk noch von der Revolutionären Regierung jemals akzeptiert“ werden. Ob die kommunistische Führung tatsächlich keine Ahnung hatte, was in den Duftlaboren des Staatsunternehmens Labiofam seit Jahr und Tag zusammengemischt wurde, darf bezweifelt werden. Schließlich hat die Partei in der Vergangenheit auch Damendüften von Labiofam wie „Lina“ und „Celia“ zugestimmt: Deren Namen erinnern an Lina Ruz González (1903 bis 1963), die Mutter der Castro-Brüder Fidel und Raúl, sowie an Celia Sánchez (1920 bis 1980), die Kampf- und Lebensgefährtin von Fidel Castro in den Revolutionsjahren vor und nach dem Sturz des Diktators Fulgencio Batista in Havanna vom Neujahrstag 1959. Ein Männerduft von Labiofam heißt „Alejandro“, nach dem zweiten Vornamen Fidel Castros, des höchsten und wichtigsten aller Revolutionssymbole; ein anderer ist nach der nicht weniger symbolgeladenen Revolutionshauptstadt Havanna benannt. Gehen „Ernesto“ und „Hugo“ in Wahrheit deshalb nicht, weil ihre Namenspaten anders als bei „Alejandro“, „Celia“ oder „Lina“ keine Kubaner waren oder sind, sondern eben aus Argentinien beziehungsweise Venezuela stammten?

          Andererseits will und soll die Revolution doch international, ja global sein. Auch Düfte kennen ja weder Grenzen noch Nationen. Zudem vertreibt das Regime in Havanna in den staatlichen Andenkenläden für die Pauschaltouristen T-Shirts, Mützen und Taschen mit dem Konterfei Guevaras und neuerdings auch von Chávez hunderttausendfach. Weshalb sind die heiligen Symbole der Revolution für den Kommerz mittels Kleidungsstücken zugelassen, nicht aber für Aromen? Warum die Parfums „Ernesto“ und „Hugo“ sterben mussten, noch ehe sie duften durften, ist ein Rätsel der kubanischen Revolutionsgeschichte. Gestern, heute und vielleicht für alle Zeit.

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