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Krise der Tanztempel : Your disco needs you

Super, zwei sind schon da! Bild:

Es kriselt mächtig in den Tanztempeln der Republik. Die Rezession hat nicht nur die kleinen Clubs, sondern auch die großen Diskotheken erreicht.

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          Wenn es tiefe Nacht ist in diesem heißen deutschen Sommer, wenn die Lichter in den Häusern aus- und die Stroboskope in den Diskotheken angeschaltet sind, dann zuckt das Licht oft über halbleere Tanzflächen. Auch dort, wo die Leiber dicht an dicht zur Musik wogen, sind die Betreiber nicht zufrieden. "Wir erleben die schwierigsten Monate und die höchsten Umsatzeinbußen seit Jahren", sagt Henning Franz, der Chef des "K 7" in Eckernförde und Präsident des Bundesverbands deutscher Discotheken und Tanzbetriebe.

          Jacqueline Vogt
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So weit wie Mitte der Achtziger, als einige Wirte die Wasserhähne in den Toiletten abschrauben ließen, damit die Durstigen nicht mehr trinken konnten, ohne dafür zu zahlen, geht heute wohl niemand mehr. Grund, sich mehr Bewegung zur Theke hin zu wünschen, haben aber fast alle. Zwar sinken die Besucherzahlen in den Diskotheken im Sommer immer ein wenig. "In diesem Jahr hat das aber im Winter schon angefangen, und es führt kontinuierlich bergab", berichtet Franz. "Geld zu verdienen ist sehr schwer geworden. Wer in guten Zeiten nichts auf die Bank gelegt hat, bekommt jetzt mit Sicherheit Probleme."

          Derzeit 3.000 Discos

          Die Rezession hat auch die Art gastronomischer Betriebe erreicht, von denen niemand genau weiß, wie viele in Deutschland überhaupt existieren. Die letzten veröffentlichten Zahlen (5.900 Diskotheken mit 6.600 Betriebsstätten und einem Jahresumsatz von einer Milliarde Mark) stammen aus dem Jahr 1986. Schon das war eine Hochrechnung aus Material des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden, das Tanzbetriebe bis heute nicht gesondert erfaßt. Gut 3.000 Diskotheken seien es derzeit, sagt Henning Franz.

          Es gibt Diskotheken mit einem Besitzer, und es gibt Ketten wie die in Kreuzwertheim ansässige G & T-Gruppe. Ihr allein gehören rund 120 Diskotheken in Deutschland und Österreich. Es gibt aber auch Unternehmer, die in ihrem Portefeuille neben Restaurants und Bars auch eine Handvoll Diskotheken haben; zum Beispiel die ums finanzielle Überleben kämpfenden Gerd Schüler und Michael Presinger.

          Legenden leben länger

          Und es gibt zwei Arten von Diskotheken: die großen Multizentren mit mehreren tausend Quadratmetern und die eher intimen, die sich meist "Club" nennen und zwischen 800 und 1500 Quadratmater groß sind. "Die ,In-Plätze' sind nach wie vor frequentiert, aber der einzelne Gast gibt weniger aus. Die anderen Läden haben weniger Gäste", sagt Gerd Schüler. In Berlin hat er im Februar das legendäre Frankfurter "Dorian Gray" wiedereröffnet.

          Das gehört fraglos nicht zur Kategorie "die anderen Läden" und ist gut besucht. "Die Fülle ist da", bestätigt Schüler, "es läuft ganz ordentlich", was ihm Probleme bereite, sei der "Turnover": Die einzelnen Rechnungen fallen nicht hoch genug aus. Die Spanne zwischen dem, was hoch genug ist, und dem, wovon ein Haus nicht leben kann, ist weit. In manchen Diskotheken, weiß Henning Franz, liege der Durchschnittsverzehr bei sechs Euro, in anderen bei 30.

          Andere Zielgruppen ansprechen

          Eine Diskothek einzurichten ist teuer, 1500 Quadratmeter können leicht vier, fünf Millionen Euro kosten. Je nach Größe beschäftigt sie bis zu einem Dutzend und mehr Festangestellte vom Barchef bis zum Hausmeister und nicht selten mehrere hundert Aushilfen, auch Auszubildende. "Daß das Unternehmen sind, die betriebswirtschaftlichen Prozessen unterliegen, ist vielen Menschen gar nicht klar", sagt Klaus Niester. Der Chefredakteur des Branchenblatts "Disco-Magazin" hat gerade die Insolvenz einer Lasertechnik-Firma gemeldet, die ihr Scheitern unter anderem mit "fatalen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen" erklärt: Wer keinen Umsatz macht, braucht keine neue Lichtanlage.

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