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Weizsäcker-Mord : Angeklagter zu zwölf Jahren Haft und Psychiatrie verurteilt

Der Angeklagte hatte im Prozess gestanden, jedoch keine Reue gezeigt. Bild: dpa

Wohl aus Hass auf dessen Familie hatte der Angeklagte den Arzt Fritz von Weizsäcker in einer Klinik erstochen. Nun hat das Landgericht Berlin ihn wegen Mordes verurteilt.

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          Das Urteil am Mittwoch war keine Überraschung: Rund acht Monate nach dem tödlichen Angriff auf den Berliner Arzt Fritz von Weizsäcker wurde der Angeklagte wegen Mordes verurteilt. Gregor Sch., der den Chefarzt für Innere Medizin nach einem öffentlichen Vortrag in der Schlosspark-Klinik Berlin mit einem Stich in den Hals getötet hatte, bekam vom Landgericht Berlin eine Freiheitstrafe von zwölf Jahren. Zudem wurde seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Dem Täter, einem 57 Jahre alten Mann aus Andernach in Rheinland-Pfalz, wurde eine verminderte Schuldfähigkeit zugesprochen. Deswegen wurde trotz des festgestellten Mordes keine lebenslange Freiheitsstrafe verhängt, wie es sonst der Fall ist. Der Angeklagte wurde zudem wegen versuchten Mordes an einem Polizisten verurteilt. Der 34 Jahre alte Beamte, der privat von Weizsäckers Vortrag besuchte, hatte eingegriffen, um den Tod des Arztes zu verhindern. Er konnte den Täter in einem Handgemenge überwältigen, trug aber schwere Stich- und Schnittverletzungen am Oberkörper und an den Händen davon.

          Das Gericht folgte mit seinem Urteil weitgehend der Forderung der Staatsanwältin. Sie hatte auf 14 Jahre Haft und die Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt plädiert. Der Täter habe den Mediziner, den jüngsten Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, heimtückisch und aus niederen Beweggründen erstochen. Doch sei das „die sinnlose Tat eines psychisch nicht unerheblich gestörten Mannes“ gewesen. Ihm sei es darum gegangen, sich selbst durch die Tat „aus dem Sumpf seines Alltags zu ziehen“.

          Das Motiv für den Mord, so sahen es Staatsanwaltschaft und Gericht, war ein wahnhafter Hass auf die Familie von Weizsäcker, besonders auf den im Jahr 2015 verstorbenen ehemaligen Bundespräsidenten. Der Angeklagte hatte selbst angegeben, dass von Weizsäcker in seiner Sicht durch seine frühere Tätigkeit für das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim mitverantwortlich für die Produktion von Agent Orange gewesen sei, einem Entlaubungsmittel, das die amerikanische Armee im Vietnam-Krieg eingesetzt hatte, wodurch zahlreiche Vietnamesen ums Leben gekommen seien. Da Richard von Weizsäcker tot war, übertrug Gregor Sch. den Hass auf dessen drei Kinder, die er jahrelang beobachtete. Er nutzte dann den Vortrag, auf den er im Internet gestoßen war, um seine Tat auszuführen.

          Gregor Sch., ein dünner, unscheinbarer Mann mit Brille, hatte im Verlauf des Prozesses die Tat gestanden, aber bis zuletzt keine Reue gezeigt. Sein Schlusswort am Mittwoch beendete er mit dem Satz: „Damit ist der Drops gelutscht.“ Während des Prozesses hatte er gesagt, die Tat sei sein „Lebensziel“ gewesen. „Wenn ich sie nicht begangen hätte, wäre ich eingegangen.“ Laut einem psychiatrischen Gutachten litt Sch., der zuletzt als Lagerist gearbeitet hatte, unter einer Zwangsstörung und war deswegen vermindert schuldfähig. Befangenheitsanträge gegen den Vorsitzenden Richter und den psychiatrischen Gutachter hatte das Landgericht am Mittwochvormittag abgelehnt.

          Die Tat, die am 19. November 2019 geschah, hatte im ganzen Land Entsetzen hervorgerufen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte von einem „entsetzlichen Schlag für die Familie“ gesprochen. Fritz von Weizsäcker hinterließ vier Kinder, zwei von ihnen waren als Nebenkläger im Prozess vertreten, ebenso wie Beatrice von Weizsäcker, die Schwester des getöteten Arztes.

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