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Versuchter Mord vor Gericht : Trink mal, schmeckt wie Urlaub

  • -Aktualisiert am

Zunächst sediert, dann die Pulsadern aufgeschnitten, so lautet der Vorwurf gegen Angelika H. (rechts) und die Ehefrau des Opfers. Bild: dpa

Vergifteter Likör, aufgeschlitzte Pulsadern – die Anklage liest sich wie das Skript eines Krimis: Zwei Frauen haben gemeinsam versucht, den Mann der einen zu töten. Nun stehen sie in Heidelberg vor Gericht.

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          Es ist Sonntagabend, Muttertag, als Maria F. vor seiner Tür steht. Sein Haus ist ein großes in einer kleinen Stadt. Region Rhein-Neckar, rundherum Wiesen und keine öffentlichen Verkehrsmittel. Für ihn ist sie damals hergezogen, 2009 die Geburt der Tochter, dann die Hochzeit und zehn Jahre Ehe, mit wohl mehr schwierigen als sorglosen Tagen. Als sie sagte, sie könne in diesem Haus nicht mehr leben, wollte er ihr ein neues bauen, doch sie zog aus, weg von ihm.

          Manchmal kam er noch vorbei, reparierte etwas in ihrer neuen Wohnung, nur fünf Kilometer entfernt. Er dachte: Da ist noch was zwischen uns. Sie soll ihm Briefe geschrieben haben, sie vermisse ihn. Und als er irgendwann das Hochzeitsfoto abhängte, sei sie wütend abgerauscht. Manchmal brachte er ihr mit, was vom Mittagessen übrig geblieben war. Nein, seine Frau habe ihm nie etwas vorbeigebracht, sagt Jürgen F. nun vor Gericht. Außer am 10. Mai 2020, Muttertag. Da stand sie vor der Tür mit Würstchen und Kartoffelgratin und einer Flasche Likör.

          Die Anklage liest sich wie das Skript eines Dorfkrimis, wie eine „folie à deux“ vom Lande: Zwei Freundinnen sollen versucht haben, den Ehemann der einen umzubringen. Indem seine Frau Maria F. ihn erst mit vergiftetem Likör sedierte, das Badfenster offen ließ, damit ihre Mitbewohnerin und Angestellte Angelika H. durchschlüpfen und dem betäubten Jürgen F. die Pulsadern aufschlitzen konnte. Es sollte aussehen wie ein Suizid. Die Tatwaffe ist unklar, diskutiert wird vor Gericht ein Ceranfeldschaber.

          Die giftmischende Hausfrau ist ein Klischee aus Film und Literatur, das die Kriminologie widerlegt hat. Ja, Frauen töten statistisch betrachtet seltener als Männer, und wenn, dann sind ihre Opfer meist Kinder oder Partner. Doch Frauen töten nicht weniger blutig oder brutal. Gewalt ist manchmal erschreckend banal, das zeigt sich gerade vor dem Landgericht Heidelberg.

          Georg Schmitt wuchtet zwei Ordner in den Zeugenstand. Der Chemiker und Toxikologe berichtet, wie er im Institut für Rechtsmedizin in Heidelberg Würstchen inspiziert, Kartoffelgratin zerkleinert und homogenisiert habe. Auf beiden findet er Spuren der Medikamente, die auch Angelika H. einnimmt. Wirkstoff Benzodiazepine, genauso wie auf Asservat 15.1.

          Asservat 15.1 ist ein Schnapsglas. Bauchig, kleiner Henkel, Aufschrift: „Tunel de Mallorca“. So heißt ein Kräuterlikör von der spanischen Insel: giftgrün, mit Minze, Anis, Rosmarin. Als sie ihn am Muttertag besuchte, soll Maria F. gesagt haben: Trink mal, schmeckt wie aus unserem Sommerurlaub. Und Jürgen F. trank. Vielleicht drei, vielleicht vier Gläser. Bis ihm schwindlig wurde, er nicht mehr gehen konnte. Benzodiazepine haben eine sedierende Wirkung, sie machen müde, lassen Muskeln schlaff werden. Auf dem Glas sind seine Spuren, das vergiftete Gratin hat er nicht angerührt. Nur weil er „schon gegessen“ habe, mit seiner Mutter und seiner neuen Freundin. Du stellst die Neue schon deiner Mutter vor? Das hatte ihm Maria F. vor ihrem Besuch geschrieben. Sie half ihrem Mann noch ins Bett, dann fuhr sie wieder.

          Schnittwunde mitten durch die Arterie

          Es gibt Aufnahmen einer Überwachungskamera vom Nachbarhaus. Darauf sieht man, wie ein Auto um 23.09 Uhr die Einfahrt verlässt. Um Mitternacht ist darauf eine Person zu erkennen, die zum Haus geht, sich eine Kapuze über den Kopf zieht. Ermittler und Jürgen F. identifizierten sie als Angelika H., die Mitbewohnerin. Um 00.40 Uhr ist auf der Aufnahme ein stark blutender Jürgen F. zu sehen, wie er in Unterhose auf die Straße taumelt, zum Haus gegenüber, bei den Nachbarn klingelt, sich am Auto abstützt, zusammenbricht. Seine Blutspur kann die Polizei später zurück bis ins Schlafzimmer verfolgen. Dort ein Doppelbett, fliederfarbene Wände, weiße Spitzengardinen. Und überall Blut, davon hat F. in kurzer Zeit eine ganze Menge verloren. Der Gutachter sagt, die Schnittwunde am Unterarm – zehn Zentimeter lang, zwei Zentimeter tief, mitten durch die Arterie – hätte tödlich sein können. Versuchter Mord, so lautet die Anklage.

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