https://www.faz.net/-gum-v9mp

Deutscher Diplomatensohn : Zum Weiterleben verurteilt

  • -Aktualisiert am

Jens Söring sitzt seit 17 Jahren im Gefängnis - unschuldig, wie er sagt. Bild: ZDF / Ulf Eberle

Seit 17 Jahren sitzt Jens Söring in einem amerikanischen Gefängnis. Zu Unrecht, wie er sagt, denn er habe aus Liebe zu seiner damaligen Freundin den Mord an deren Eltern gestanden. Dafür bekam er zweimal lebenslang. Nun hofft er auf eine Überstellung nach Deutschland.

          7 Min.

          Jens Söring steht morgens um 4.20 Uhr auf. So beschäftigt ist er. „Ich habe nie genug Zeit. Ich bin völlig überarbeitet.“ Dabei sollte man meinen, der Deutsche habe mehr Zeit, als ihm lieb ist – schließlich sitzt er seit mehr als zwanzig Jahren im Gefängnis. Aber der 41 Jahre alte Gefangene muss Briefe schreiben. „Rund 130 bis 150 im Monat.“ Und an seinen Büchern arbeiten. „Das vierte Buch über einen christlich-konservativen Ansatz zur Reform des amerikanischen Strafvollzugssystems kommt im Herbst heraus, das fünfte über meinen Gefängnisalltag habe ich gerade zu Ende geschrieben.“ Außerdem braucht Söring Zeit zum Meditieren. „Zwei Stunden am Tag.“ Und Zeit für das Fitnessprogramm im Brunswick Correctional Center.

          Die Strafvollzugsanstalt am Rande des kleinen Ortes Lawrenceville im Bundesstaat Virginia sei das vielleicht humanste Gefängnis in den Vereinigten Staaten, meint Söring. „Dennoch ist die medizinische Versorgung wirklich sehr schlecht; da muss man sich irgendwie am Leben halten.“ Das Hanteltraining und die Joggingrunden auf dem Sportplatz sieht man dem Deutschen an. Er ist schlank und durchtrainiert. Gesicht und Arme sind sommerlich gebräunt. Seine Haare sind kürzer geschnitten als damals. Anders als auf den alten Bildern sieht er aber vor allem wegen der moderneren Brille aus, hinter der sein Gesicht nicht mehr verschwindet wie hinter den dicken Augengläsern, die er damals trug. Damals – das war vor 17 Jahren, als ihn ein Geschworenengericht wegen zweifachen Mordes schuldig sprach. Das Strafmaß für den Vierundzwanzigjährigen: zwei Mal lebenslang.

          „Das ist kein Leben, sondern Existenz.“

          Der Mordprozess in der Kleinstadt Bedford, für den Sörings Anwälte vergeblich ein Kameraverbot im Gerichtssaal gefordert hatten, war ein Medienspektakel. Der Fall bot reichlich Stoff für eine Sensationsstory. Ein grausiges Verbrechen an einem Industriellenpaar; die leidenschaftliche Liebe des deutschen Diplomatensohns zu der kapriziösen Tochter; die spektakuläre Flucht des jungen Paars über mehrere Kontinente, die erst Monate später in London endete; und schließlich das zähe Ringen um die Todesstrafe für den Verdächtigen bis hinauf zum Obersten Gerichtshof für Menschenrechte.

          Elizabeth Haysom (auf dem Bild im Jahr 1987) und Söring (hier auf einem Bild aus dem Jahr 1990)
          Elizabeth Haysom (auf dem Bild im Jahr 1987) und Söring (hier auf einem Bild aus dem Jahr 1990) : Bild: AP

          Die Todesstrafe ist Söring erspart geblieben. Letztlich erklärte sich Virginia zum Verzicht bereit, um so die Überstellung des Deutschen aus London in die Vereinigten Staaten zu erreichen. „Eine Art Todesstrafe hat mich dann aber doch eingeholt“, beschreibt Söring seine Erfahrungen im Strafvollzug. „Das ist kein Leben, sondern Existenz.“ Das ZDF, das ihn kürzlich im Gefängnis besuchte, nannte die Dokumentation über ihn „Lebend begraben“. Bittere Bemerkungen erlaubt sich Söring allerdings nur selten. Dann kommt die Empörung und Verzweifelung hoch, über das Unrecht, das ihm angeblich widerfahren ist. Wenn es so war, wie Söring behauptet, ist er Opfer eines Justizirrtums geworden. Nicht er habe die Eltern seiner damaligen Freundin, Elizabeth Haysom, ermordet. Elizabeth selbst sei die Täterin gewesen. Er habe sich nur deshalb als Mörder ausgegeben, um seine damalige Freundin vor dem elektrischen Stuhl zu bewahren. Ihn, den deutschen Diplomatensohn, werde man gewiss in die Heimat ausliefern, wo er allenfalls zu einer Jugendstrafe von zehn Jahren Haft verurteilt werde, habe er damals gedacht. „Ein riesengroßer Fehler.“

          Mord aus Liebe

          Derek und Nancy Haysom wurden im März 1985 in ihrem Haus in der Nähe von Lynchburg in Virgina durch zahlreiche Messerstiche brutal ermordet. Im Sommer zuvor hatten sich der 18 Jahre alte Jens Söring und die zwei Jahre ältere Elizabeth Haysom an der University of Virginia in Charlottesville kennen gelernt. Vier Monate später sind der intelligente, schüchterne Deutsche, den die Mädchen bis dahin lieber mieden, und die hübsche, rebellisch-labile Amerikanerin ein Liebespaar. Der Mord schweißt die ungleichen Außenseiter noch stärker zusammen. Als die Polizei aufgrund von Tagebucheintragungen den Verdacht schöpft, sie könnten in das Verbrechen verwickelt sein, fliehen die beiden bis nach Thailand. Sieben Monate später werden sie in London wegen Scheckbetrugs verhaftet. Elizabeth Haysom wird in die Vereinigten Staaten ausgeliefert und bekennt sich schuldig, Söring zur Ermordung ihrer Eltern angestiftet zu haben. Dafür wird sie zu einer Freiheitsstrafe von 90 Jahren verurteilt, die sie in einem amerikanischen Frauengefängnis verbüßt.

          Weitere Themen

          Lange Haft für mexikanischen Drogenboss

          28 Jahre : Lange Haft für mexikanischen Drogenboss

          Vicente Carrillo Fuentes, alias „El Viceroy“, ist zu 28 Jahren Haft verurteilt worden. Dem früheren Chef des Juárez-Kartells werden organisierte Kriminalität, Geldwäsche und illegaler Waffenbesitz vorgeworfen.

          Topmeldungen

          Der Betrieb hält sich in Grenzen: ein Blick ins fast leere Impfzentrum Sachsen (Dresden)

          Geringe Quoten im Osten : Impfen? Nicht mit mir!

          In Ostdeutschland sind die Corona-Impfquoten auffallend niedrig. Was ist der Grund dafür? Ein Soziologe sieht den Widerstand gegen die Spritze als Teil der grundlegenden Protesthaltung gegenüber der Regierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.