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Zugunglück bei Bad Aibling : „Die Technik hat funktioniert, der Mensch nicht“

Fahrdienstleiter Michael P. beim Gerichtsverfahren im süddeutschen Traunstein. Bild: Reuters

Der Fahrdienstleiter Michael P. verursachte im Februar durch Ablenkung von einem Handyspiel ein Zugunglück bei Bad Aibling. Nun muss er sich vor Gericht verantworten.

          5 Min.

          Am 9. Februar 2016 begann der 39 Jahre alte Fahrdienstleiter Michael P. um 4.45 Uhr seine Schicht im Stellwerk in Bad Aibling. Um 5.11 Uhr und 23 Sekunden begab er sich in die mittelalterliche Fantasy-Welt von „Dungeon Hunter 5“ auf seinem Mobiltelefon, einem Online-Spiel, freigegeben ab 12 Jahren mit dem Vermerk „Gewalt“. In dem Spiel kann man Ruinen verteidigen, „Kämpfer“ anwerben und mit ihnen durch fünf Welten marschieren. Michael P. erfüllte an diesem Morgen in seiner Mittelalter-Welt auch mindestens eine „Mission“. Was er an diesem Morgen nicht erfüllte, war die Anforderung der „Fahrdienstvorschrift Regelwerksnummer 408.0111“ für alle Fahrdienstleiter: das Verbot, im Stellwerk private Mobiltelefone zu nutzen.

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Als am Donnerstag im Gerichtssaal des Landgerichts Traunstein zum Prozessauftakt ein Polizeivideo die beiden Züge zeigt, die sich am 9. Februar 2016 bei ihrem Zusammenprall auf eingleisiger Strecke zu einer bizarr aufgetürmten Masse aus Metall ineinanderschoben, blickt Michael P. minutenlang reglos auf die Bilder. Als die zerstörten Triebköpfe zu sehen sind, in denen die Zugführer kurz zuvor noch in letzter Sekunde, aber vergebens, versuchten, ihre Züge abzubremsen, um dem sicheren Tod zu entgehen, holt Michael P. tief Luft und schlägt dann die Augen nieder.

          Es ist seine Strecke, die zu sehen ist, es sind seine Züge, um die er sich an diesem verhängnisvollen Morgen im Februar kümmern sollte. Zwölf Menschen kamen bei dem Zusammenprall ums Leben, 89 Menschen wurden verletzt, viele von ihnen schwer. Für die Staatsanwaltschaft ist die Ursache klar: „Die Beschäftigung mit seinem Smartphone lenkte den Angeschuldigten von der Regelung des Zugverkehrs ab.“ Dies sei „kausal“ für seine „unfallursächlichen Fehlleistungen“. Er sei somit für die fahrlässige Tötung von zwölf Menschen und die fahrlässige Körperverletzung von 89 Menschen verantwortlich.

          Michael P. gesteht am Donnerstag in einer Erklärung seiner Verteidiger die „Dienstverfehlungen“, die falschen Signale, die er an diesem Morgen setzte. Er gibt in dieser Erklärung auch zu, auf seinem Handy das Spiel gespielt zu haben. Das lasse jedoch keine Schlüsse zur Kausalität zu – darauf weist die Verteidigung hin, ein Schuldeingeständnis im Sinne der Anklage ist es also nicht. Ihr Mandant werde sich auch nicht zur Sache selbst äußern.

          Michael P. verrutschte beim Nachsehen im Plan um eine Zeile

          Die „Sache“, die falschen Signale, die P. am 9. Februar innerhalb von wenigen Minuten setzte und die nach Sicht der Staatsanwaltschaft zur Katastrophe führten, erläutert am Donnerstag stundenlang ein Polizeibeamter. Demnach gab Michael P. dem Zug 79506, der von Rosenheim nach Holzkirchen fuhr, gegen 6.38 Uhr das Signal für die Einfahrt in den Bahnhof Kolbermoor und zugleich für die freie Ausfahrt in Richtung Bahnhof Bad Aibling. Um 6.38 Uhr und 11 Sekunden „rekrutierte“ Michael P. im „Dungeon“-Spiel einen „Krieger“.

          Um 6.40 Uhr fuhr dieser Zug im Bahnhof Kolbermoor ein. Um 6.40Uhr und 16 Sekunden kaufte Michael P. „aktiv etwas in dem Spiel ein“. Unterwegs in der Gegenrichtung war zu dieser Zeit der Zug 79505. Die beiden Züge sollten sich im Bahnhof Kolbermoor kreuzen, um dort auf zwei Gleisen aneinander vorbeifahren zu können. Hier beging Michael P. laut Anklage den ersten Fehler, hier stellte sich für die Angehörigen der Opfer das erste Mal die Frage: Was wäre gewesen, wenn?

          Denn Michael P. verrutschte offenbar beim Nachsehen im „Kreuzungsplan“ um eine Zeile. Er ging also davon aus, dass die beiden Züge sich nicht in Kolbermoor, sondern in Bad Aibling kreuzen sollten. Also gab er dem Zug 79505 das Signal zur Einfahrt in den Bahnhof Bad Aibling, er „stellte eine Fahrstraße“, wie es im Fachjargon heißt. Er bemerkte zwar seinen Fehler und änderte noch die Einfahrt des Zuges auf ein anderes Gleis. Doch dann gab er dem Zug um 6.43 Uhr mit einem Sondersignal „Zs 1“ freie Fahrt für die Ausfahrt aus dem Bahnhof Bad Aibling in Richtung Kolbermoor.

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