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Zürich : Polanski stellt Antrag auf Haftentlassung

  • Aktualisiert am

Er hofft, dass sein Mandant „schnellstens” freikommt: Polanskis französischer Anwalt Hervé Temime Bild: REUTERS

Roman Polanski hat über seine Anwälte bei der Schweizer Justiz einen Antrag auf Haftentlassung gestellt. Derweil wird die Liste internationaler Stars, die sich für eine sofortige Freilassung des Regisseurs und Oscarpreisträgers einsetzen, immer länger.

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          Die Anwälte von Oscarpreisträger Roman Polanski haben bei der Schweizer Justiz seine Freilassung beantragt. Das Strafgericht von Bellinzona erhielt nach eigenen Angaben am Dienstag den Einspruch gegen den internationalen Haftbefehl. Er hoffe, dass der wegen Vergewaltigung gesuchte französisch-polnische Filmemacher „schnellstens“ freikomme, sagte Polanskis französischer Anwalt Hervé Témime, wenn auch möglicherweise unter Auflagen.

          Derweil wird die Liste internationaler Stars, die sich für eine sofortige Freilassung des Oscarpreisträgers einsetzen, immer länger. Am Dienstagmittag hatten nach Angaben der französischen Autorenvereinigung SACD bereits mehr als 100 Weggefährten des in der Schweiz verhafteten Regisseurs eine entsprechende Erklärung unterzeichnet. Neben Woody Allen und Wim Wenders finden sich unter anderem die Namen von Pedro Almodóvar, Monica Bellucci, David Lynch, Ettore Scola, Martin Scorsese, Tilda Swinton und Tom Tykwer auf der Liste. Die Regisseure, Schauspieler und Autoren nennen es „unannehmbar, dass eine internationale Kulturveranstaltung zur Ehrung eines der größten zeitgenössischen Cineasten in eine Polizeifalle verwandelt“ wurde.

          Besson geht auf Distanz

          Distanzierter äußerte sich Polanskis Kollege Besson am Montagabend im französischen Sender RTL. Er kenne den Filmemacher und möge ihn sehr gern. „Aber die Justiz ist für alle gleich.“ Er habe selbst eine 13-jährige Tochter, sagte Besson. Wenn sie vergewaltigt werden würde, würde er nicht gegen die Verhaftung des Täters protestieren.

          Der Regisseur hatte sich 1977, im Alter von damals 43 Jahren, in den Vereinigten Staaten an einem 13 Jahre alten Mädchen vergangen. Er bekannte sich schuldig und saß dafür zunächst 47 Tage im Gefängnis, floh aber vor Urteilsverkündung nach Europa und kehrte seitdem nie in die Vereinigten Staaten zurück. Bei einer Abschiebung dorthin und einem Schuldspruch drohen ihm bis zu fünfzig Jahre Haft.

          Auch die Regierungen von Frankreich und Polen hatten sich nach Polanskis Verhaftung am Samstag in Zürich für den Filmemacher stark gemacht. Sie werfen den Amerikanern eine Hetzjagd vor. Die Außenminister hatten ihre amerikanische Kollegin Hillary Clinton schriftlich ersucht, sich für eine Freilassung Polanskis einzusetzen. Das Außenministerium in Washington wollte sich nicht zu der Sache äußern. Die Rolle des Ministeriums beschränke sich darauf, das von Kalifornien vorbereitete formelle Auslieferungsgesuch darauf zu prüfen, ob es die Bedingungen des bilateralen Auslieferungsvertrags mit der Schweiz erfülle, sagte ein Sprecher.

          Tusk: Niemand geschieht Unrecht

          Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk sprach sich am Dienstag allerdings dagegen aus, die Verhaftung Polanskis zu einer „national-politischen“ Angelegenheit in Polen hochzuspielen. Er sehe keinen Grund, ein „nationales Geschrei zu erheben“, denn niemandem geschehe Unrecht, sagte Tusk dem privaten Fernsehsender TVN24. Es sei ein strafrechtlicher Sitten-Fall. Sein Land müsse alle Maßnahmen ergreifen, die gegenüber jedem polnischen Bürger in solch unangenehmer Situation ergriffen werden sollen, so Tusk. Polanski habe ein schweres Verbrechen begangen, bemerkte Polens Regierungschef. Es sei bekannt gewesen, dass die Amerikaner in solchen Fällen hart blieben.

          Polanskis Opfer, die heute 45-jährige Samantha Geimer, vergab dem Filmemacher vor mehreren Jahren öffentlich, wiederholte aber, dass er sie seinerzeit vergewaltigt habe. „Er hat mir Champagner eingeflößt und mir (das Rauschmittel) Quaalude gegeben, dann hat er mich missbraucht.“ Wenige Wochen nach Geimers Aussage im März 2003 wurde Polanski für seinen autobiografischen Film „Der Pianist“ in Hollywood mit dem Oscar geehrt, den er wegen der Affäre nicht selbst entgegennehmen konnte.

          Festnahme verzögert neuesten Film

          Polanskis Agent Jeff Berg sagte, die Verhaftung in der Schweiz sei sehr ungewöhnlich, nachdem der Regisseur den Sommer in seinem Haus in Gstaad verbracht habe. Zuvor habe er in aller Öffentlichkeit über sechs Monate hinweg in Deutschland den Film „The Ghost“ gedreht. Die Veröffentlichung des neuesten Films mit Pierce Brosnan in der Hauptrolle wird sich nun voraussichtlich auf unbestimmte Zeit verzögern. Polanski habe den Großteil der Nachbearbeitung abgeschlossen, aber eben nicht alles, sagte Berg. In Deutschland und Frankreich sind für den Streifen auf der Grundlage eines Buchs von Stephen Harris bereits Verträge für den Filmverleih abgeschlossen, in den Vereinigten Staaten noch nicht.

          Der „Fall Polanski“

          Seit 32 Jahre verfolgt die US-Justiz den polnisch-französischen Starregisseur Roman Polanski wegen Kindesmissbrauchs.

          März 1977: In der Villa seines Freundes Jack Nicholson in Los Angeles missbraucht der damals 43-jährige Polanski laut Staatsanwaltschaft ein 13 Jahre altes Mädchen. Intimverkehr mit Minderjährigen gilt im Bundesstaat Kalifornien immer als Vergewaltigung.

          April/Mai 1977: Der Beschuldigte sitzt 42 Tage in Untersuchungshaft und steht unter psychiatrischer Beobachtung.

          Januar 1978: Der Versuch scheitert, in Absprache mit dem Gericht für ein teilweises Schuldeingeständnis eine Haftstrafe zu vermeiden. Weil ihm bis zu 50 Jahre Gefängnis drohen, flieht Polanski nach Frankreich. Für die amerikanischen Behörden gilt er seitdem als flüchtig, bei der Wiedereinreise droht ihm die Festnahme.

          Oktober 1997: Ein zivilrechtlicher Prozess wird mit einem Vergleich beigelegt. Das Opfer Samantha Geimer fordert, Polanski nicht mehr zu bestrafen, die Anklage bleibt aber bestehen.

          März 2003: Aus Angst vor den Strafverfolgungsbehörden reist der Regisseur nicht in die USA und nimmt seinen Oscar für den Film „Der Pianist“ in Hollywood nicht persönlich entgegen.

          2005: Ein amerikanischer Richter erwirkt einen Internationalen Haftbefehl, der auch in Europa vollstreckt werden kann. Da Polanski seit 1976 auch französischer Staatsbürger ist, muss er keine Auslieferung von dort befürchten.

          August 2008 : Die inzwischen 44 Jahre alte Geimer setzt sich erneut für ein Abweisen der Klage gegen Polanski ein. Auch sie leide unter der „andauernden Veröffentlichung von Details“ des Missbrauchs, erklärt die verheiratete Frau und Mutter von zwei Kindern.

          Dezember 2008: Die Filmemacherin Marina Zenovich berichtet in der Dokumentation „Roman Polanski - Wanted and Desired“ über eine mögliche Befangenheit von Richter und Staatsanwalt im damaligen Vergewaltigungsprozess.

          8. Mai 2009: Ein Richter vom Superior Court in Los Angeles lehnt ein Ersuchen von Polanskis Anwälten auf Schließen des Verfahrens wegen juristischer Fehler endgültig ab. Im Februar hatte er Polanski eine Frist gesetzt, bis zum Mai sein Anliegen persönlich im Gericht vorzutragen.

          26. September 2009: Bei der Einreise in die Schweiz wird Polanski auf dem Flughafen Zürich festgenommen und landet aufgrund eines amerikanischen Haftbefehls in Abschiebehaft. (dpa)

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